Das Wissenschaftsjahr 2013 des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) ist dem demografischen Wandel in Deutschland gewidmet. Die zentrale Ausstellung zum Wissenschaftsjahr wird von der Leibniz-Gemeinschaft unter dem Titel „Zukunft leben: Die demografische Chance“ gestaltet. Die Ausstellung ist bis zum 7. April 2013 im Berliner Museum für Naturkunde zu sehen und wird im Laufe der folgenden 13 Monate in vier weiteren Leibniz-Museen in Mainz, Bremerhaven, Bochum, München und im Deutschen Hygiene-Museum in Dresden gezeigt.
Ausgangspunkt der Ausstellung sind die wissenschaftlichen Befunde zur demografischen Entwicklung in Deutschland: Die Lebenserwartung steigt, die Bevölkerung wird älter. Die durchschnittlichen Kinderzahlen in Deutschland sind niedrig und stagnieren. Wir sind ein Zuwanderungsland und wir brauchen Zuwanderung. Welche Folgen ergeben sich daraus und welches Entwicklungspotential ist damit verbunden - gesellschaftlich, familiär und individuell? Auf rund 300 qm können sich Besucher mit der Frage auseinandersetzen, wie sie morgen leben werden - und wie sie das neue, vielfältigere Miteinander gestalten wollen.
Wissenschaftler der verschiedensten Disziplinen äußern sich dazu in Videointerviews. Fotografien, historische Abbildungen, statistische Darstellungen, Animationsfilme und Comic-Geschichten werden gezeigt. Zahlreiche interaktive Module geben Gelegenheit zum Mit-Denken über unsere Zukunft und die Chancen im demografischen Wandel.
Kuratoren der Ausstellung sind Petra Lutz und Thomas Spring. Die Ausstellungsgestaltung stammt von Atelier Brückner in Stuttgart.
Die Ausstellung ist in neun Themenbereiche gegliedert. Jedes Modul illustriert einen anderen Aspekt der demografischen Entwicklung.
Die begehbare Skulptur entsteht durch die Umrissformen der deutschen Bevölkerungspyramiden der Jahrgänge von 1950 bis 2010. Am Relief ihrer Jahrgangsscheiben bilden sich historische Ereignisse wie die zwei Weltkriege, das Wirtschaftswunder, aber auch grundlegende Änderungen unseres Lebensstiles durch Erfindungen wie die Anti-Baby-Pille ab. Seit mehr als 100 Jahren ist der Trend gültig, dass wir immer länger leben und weniger Kinder bekommen als frühere Gesellschaften. Dabei erreicht die absolute Bevölkerungsgröße in Deutschland heute ihren Zenit und wird trotz Zuwanderung künftig rückläufig sein. Das Durchschnittsalter und der Anteil der Migranten an der Bevölkerung werden weiter steigen.
Wie unser Leben verläuft, hängt auch vom Geburtsjahr ab. Jede Generation macht ihre eigenen historischen Erfahrungen – und wer heute geboren wird, hat eine durchschnittliche Lebenserwartung von etwa 80 Jahren. Vor 130 Jahren wäre es nur die Hälfte gewesen. Das verändert Lebensverläufe. So lernen wir heute zum Beispiel wesentlich länger als unsere Vorfahren.
Die Mehrzahl der Menschen werden Eltern. Das gilt auch in Deutschland mit seiner vergleichsweise geringen durchschnittlichen Zahl von 1,6 Kindern pro Frau. Wie diese Kinder und ihre Familien leben, was zu ihrem Wohlergehen beiträgt, was es behindert, wie Familien zustande kommen und warum sie auseinander brechen – diese Fragen beschäftigen die Forschung, auch vor dem Hintergrund des demografischen Wandels. Warum haben Menschen Kinder und warum haben sie keine? Als „fertility gap“ bezeichnet man eine Differenz zwischen gewünschten und tatsächlich geborenen Kindern. Gibt es politische und gesellschaftliche Bedingungen, die Menschen davon abhalten, ihre Kinderwünsche zu verwirklichen? Diese Fragen werden sowohl durch die Analyse von Lebensverläufen als auch ländervergleichend bearbeitet – und nicht zuletzt mit Blick auf die Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland.
Was es über das Altern zu wissen gibt, glauben wir zu wissen. Aber tatsächlich werfen die biologischen Alterungsprozesse noch viele Forschungsfragen auf. Außerdem ist Altern auch eine Sache der Kultur, also veränderlich. Heute sind 70-Jährige biologisch und sozial „jünger“ als früher und vor 100 Jahren haben die meisten Zeitgenossen dieses Alter erst gar nicht erreicht. Es lohnt sich, einige verbreitete „Altersmythen“ zu überprüfen. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nehmen sich ihrer an, um sie zu kommentieren, zu relativieren oder auch zu widerlegen. Sie erkunden, was beim biologischen Altern geschieht, wie alt Menschen (theoretisch) werden und wie sie das eigene Altern (praktisch) beeinflussen können. Ist das Altern vielleicht sogar gestaltbar?
Interview mit Prof. Dr. Henning Scheich
Interview mit Prof. Dr. K. Lenhard Rudolph
Bildung entscheidet über den Lebensstandard des Einzelnen und den gesellschaftlichen Wohlstand. Nur mit einem Bildungssystem, das jeden erreicht und ein ganzes Leben lang begleitet, können wir den Herausforderungen des demografischen Wandels begegnen. In einem Land, in dem künftig viel weniger Menschen leben und arbeiten, muss Bildung für alle zugänglich sein. Doch in Deutschland sind die Chancen, Fähigkeiten, soziale Kompetenzen und Kreativität zu erlernen, immer noch ungleich verteilt. Stärker als in fast allen anderen hochentwickelten Staaten
ist der Zugang zur Bildung von der sozialen Herkunft abhängig. Die Wirtschaftsweisen forderten daher bereits 2009 in ihrem Jahresgutachten eine bildungspolitische Offensive und legten einen 10-Punkte-Plan vor.
Interview mit Prof. Dr. Heike Solga
Die ökonomischen Folgen des demografischen Wandels sind beherrschbar – so die Feststellung der Wirtschaftsweisen in einem Sondergutachten für die Bundesregierung aus dem Jahr 2011. Voraussetzung ist jedoch, dass wir die Herausforderung annehmen und die Politik die Weichen richtig stellt. Dazu gehören eine Bildungsoffensive und die Steigerung der Erwerbsquote von Frauen, die Verlängerung der Lebensarbeitszeit sowie eine starke Zuwanderung von Fachkräften aus dem Ausland. Nicht zuletzt müssen die Beiträge zu den sozialen Sicherungssystemen angepasst und die Lücke zwischen staatlichen Einnahmen und Ausgaben geschlossen werden. Ohne dieses Maßnahmenbündel sind die Sorgen vor dem demografischen Wandel berechtigt. Und: Je länger die Umsetzung aufgeschoben wird, desto höher wird die Rechnung in der Zukunft ausfallen.
Interview mit Prof. Dr. Christoph M. Schmid
Migration ist nicht die Ausnahme, sondern der historische Normalfall. Vieles spricht dafür, dass sie weiter zunehmen wird. Menschen verlassen ihre Herkunftsorte aus den unterschiedlichsten Gründen. Oft bilden politische oder ökonomische Entwicklungen den Hintergrund. Am Ende steht eine persönliche Entscheidung. Die Vielzahl der Faktoren, die zu Migrationsentscheidungen führen können, macht es sehr schwer, Wanderungsbewegungen zu prognostizieren. Für die Volkswirtschaft steht in Zeiten demografischen Wandels die Einwanderung hochqualifizierter Migrantinnen und Migranten und eine gute Ausbildung ihrer hier lebenden Kinder im Mittelpunkt. Für die Einzelnen lautet die Frage dagegen, ob sie ihre Potenziale einsetzen und ihre Lebensvorstellungen verwirklichen können. Erfolgreiche Migrationspolitik muss beides berücksichtigen.
Teilzuhaben ist ein grundlegendes menschliches Bedürfnis. Menschen dabei zu unterstützen, ist daher ein Ziel von Innovation. Technologie kann das Leben erleichtern, Mobilität schaffen und Kommunikation intensivieren.
Welche Technologien werden uns in Zukunft unterstützen? Wählen Sie ein Objekt an, um Informationen zu Projekten abzurufen, die im Moment noch in ihrer Entwicklungsphase sind. Die Flugzeuge etwa stehen für Mobilität. Präsentiert werden hier Innovationen, die Beweglichkeit, Selbstbestimmung und Sicherheit ermöglichen oder die Geselligkeit, das Zusammenleben mit der Familie und die Kommunikation befördern. Sie können die Neuerungen auch kommentieren – oder eigene Ideen für noch fehlende Erfindungen hinterlassen.
Kommerzielle Sehnsuchtsbilder vom „Ruhestand“ tauchten zum ersten Mal in den 1950er-Jahren auf und richteten sich an die amerikanische Mittelklasse. Findige Investoren machten die animierte Freizeitexistenz in einem südlichen Ferienressort zum Massenangebot und beherrschen damit bis heute das Bild der Rentnerstädte. Demgegenüber steht das Schreckensszenario des demografischen Wandels: Anstatt des Urlaubsparadieses für Reiche wird der Mehrheit eine Existenz unterhalb der Armutsgrenze in Aussicht gestellt, die irgendwann zum „Aufstand der Alten“ führen muss, so der reißerische Titel einer Doku-Fiction aus dem Jahr 2007. In Wirklichkeit finden wir aber schon heute insbesondere für diese Lebensphase die erstaunlichsten Neuerungen und Experimente: Mehrgenerationenhäuser, Alten-WGs, Dörfer für Demenzkranke und eine Architektur für alle Altersgruppen zeigen Wege auf, wie das (Zusammen-)Leben in einer alternden Zivilgesellschaft gelingen kann.
Zum Vergrößeren bitte auf die Bilder klicken.
Die Ausstellung
Fotos: Michael Jungblut / Atelier Brückner
Eröffnung der Ausstellung und des Wissenschaftsjahres 2013
26.02.2013
Fotos: Christoph Herbort-von Loeper
Pressetermin und Ausstellungsrundgang
26.02.2013
Fotos: Christoph Herbort-von Loeper
Eröffnungsfilm: Theo Thiesmeier
Spot zur Ausstellung: Stefan Matlik
Interviews aus der Ausstellung
Thomas Spring und Petra Lutz
"Mythen entkräften, Chancen sichtbar machen"

Zukunft leben
Die demografische Chance
Karl Ulrich Mayer (Hg.)
200 Seiten, 18,5 x 27 cm
80 farbige Abbildungen und Infografiken
ISBN 978-3-89479-769-0
Im Rahmen der Wanderausstellung wird Ihnen an mehreren Orten ein umfangreiches Begleitprogramm angeboten. Sie können an kostenlosen Führungen, extra Familientagen und besonderen Rundgängen teilnehmen. Wir freuen uns auch über Ihre Fragen an Vertreter aus Politik, Gesellschaft und Wissenschaft, die Sie in den Museumsgesprächen stellen können.
Link zur Übersicht: Forschungsmuseen erklären den Wandel
Programm im Einzelnen:
Online- und Zeitungsbeiträge
Berliner Zeitung / Frankfurter Rundschau: "Gesellschaften sind anpasssungfähig" (21.02.2013)
Berliner Stimme: "Wir haben mehr Zukunft" (23.02.2013)
Tagesspiegel: "Wer länger lebt, soll länger arbeiten" (27.02.2013)
Stern.de / DPA: "Nur keine Panik: Es gibt Lösungen für ein alterndes Deutschland" (26.02.2013)
BZ: "Hier ist Ihre Zukunft ausgestellt" (27.02.2013)
Sächsische Zeitung: "Lösung für ein alterndes Deutschland" (28.02.2013)
Der Neue Tag: "Wanka wirbt für 'die demografische Chance'" (25.02.2013)
Märkische Allgemeine Zeitung: "Wandel als Chance" (15.03.2013)
Junge Welt: "Aus der Urne" (19.03.2013)
Mitteldeutsche Zeitung: "Wissenschaftsjahr 2013: der demografische Wandel als Chance" (28.02.2013)
Frankfurter Allgemeine Zeitung: "Altern hat auch seine guten Seiten" (04.03.2013)

Museum für Naturkunde, Berlin:
27.02.-7.04.2013
Römisch-Germanisches Zentralmuseum, Museum für Antike Schiffahrt, Mainz
19.04.-2.06.2013
Deutsches Hygiene-Museum Dresden
14.06.-21.07.2013
Deutsches Bergbau-Museum, Bochum
20.09.-27.10.2013
Deutsches Schiffahrtsmuseum, Bremerhaven
15.11.2013-9.01.2014
Deutsches Museum, München
31.01.-30.03.2014