Halbe Stadt

Das Bild zeigt Archivaufnahmen vom Alexanderplatz in Berlin.

30 Jahre nach dem Mauerfall blickt eine Berliner Ausstellung auf den Osten der Stadt.

09/16/2019 · Geisteswissenschaften und Bildungsforschung · Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam · HP-Topnews · Forschungsergebnis

30 Jahre nach dem Mauerfall rückt das Stadtmuseum Berlin in diesem Jahr den Osten der Stadt ins Zentrum. Die Ausstellung „Ost-Berlin. Die halbe Hauptstadt“ im Museum Ephraim-Palais widmet sich dem sozialen und kulturellen Leben in der einstigen Hauptstadt der DDR, vom Ende der 1960er Jahre bis November 1989. Der Blick richtet sich auf die Widersprüche zwischen dem Hauptstadtanspruch der Politik und den unterschiedlichen Lebenswelten, die den Alltag der Ost-Berliner prägten. Auf drei Etagen des Museums werden die Facetten des urbanen Lebens vom Wohnen über Arbeit und Konsum bis hin zur Kultur beleuchtet. Ein vielfältiges Begleitprogramm mit zahlreichen Gästen und Personen der Zeitgeschichte stellt individuelle Geschichten und Erlebnisse in den Mittelpunkt. Neben Führungen in der Ausstellung gibt es unter anderem Lesungen, eine Filmreihe im Kino Babylon, Diskussionen, eine große Revue an der Volksbühne Berlin und die Veranstaltungsreihe „Erkundungen vor Ort“ mit den Berliner Regionalmuseen geben.

„Wir zeigen verschiedene Perspektiven auf Ost-Berlin, denn die Stadt hatte viele Gesichter“, erläutert Jürgen Danyel, stellvertretender Direktor des Zentrums für Zeithistorische Forschung Potsdam (ZZF) und Kurator der Ausstellung. „Als Machtzentrum lockte die Hauptstadt mit beruflichen und politischen Aufstiegsmöglichkeiten. Aber auch für Aussteiger aus der Enge der DDR-Provinz bot die Großstadt Nischen.“ Symbolhaft beginnt der Aufstieg in die Ausstellung mit einer Rakete aus dem Vergnügungspark Plänterwald, die gleichnishaft für den einstigen Fortschrittsglauben wie auch für den späteren Niedergang steht. Den Rundgang eröffnet ein Planmodell des Ost-Berliner Stadtzentrums aus den 1980er Jahren, das im Dialog mit subjektiven Stadtportraits Ost-Berliner Künstlerinnen und Künstler wie Walter Womacka, Harald Metzkes, Sabine Peukert und Joachim Böttcher gezeigt wird. Markante Bauten wie die Karl-Marx-Allee, das moderne Stadtzentrum rund um den Fernsehturm und die großen Plattenbausiedlungen in Marzahn und Hellersdorf haben das architektonische Gesicht Ost-Berlins geprägt. Der Alexanderplatz wurde zu einem Schauplatz urbanen Lebens. Die Weltzeituhr war beliebter Treffpunkt, das Centrum Warenhaus lud zum Einkaufsbummel und am 4. November 1989 schallten die Rufe „Wir sind das Volk“ über den großen Platz.

Die Metropole als politisches Machtzentrum

Die Erkundung dereinstigen Metropole führt die Ausstellungsbesucherinnen und -besucher von der Mokka-Milch-Eisbar über die Ur-Berliner Kneipe Metzer Eck bis ins Nikolaiviertel. Im prunkvollen Schlütersaal des Ephraim-Palais werden die Selbstinszenierung der DDR-Hauptstadt und der Wiederaufbau des historischen Viertels anlässlich der 750-Jahr-Feier Berlins 1987 nachgezeichnet. Anhand des Reiterstandbilds Friedrichs des Großen und der Rekonstruktion der Nikolaikirche wird an Medienstationen die Rückbesinnung auf die Geschichte veranschaulicht, während für die sozialistische Jugend das einzige jemals in der DDR auf den Markt gebrachte Skateboard der Firma Germina ausgestellt wird. Eine filmische Straßenbahnfahrt mit der Linie 58 vermittelt einen atmosphärischen Eindruck Ost-Berlins in den späten 1980er Jahren. Ein aus zahlreichen Einzelaufnahmen zusammengefügtes Straßenpanorama der Greifswalder Straße und der Klement-Gottwald-Allee mit Häuserfassaden und Ladengeschäften zeigt einen Alltag, der sich inzwischen stark verändert hat.

An die Metropole als politisches Machtzentrum der DDR erinnern in der Ausstellung u.a. Fernsehbilder der jährlichen Mai-Demonstrationen und eine Karte, die dokumentiert, wie die Stadt von den Kontroll-und Überwachungsorganen des Regimes durchsetzt war. Zugleich hatte die Hauptstadt Anziehungskraft als Nische für Lebensentwürfe jenseits der politischen Norm. Ein bekannter Ort der frühen Bürgerbewegung und Alternativkultur Ost-Berlins war der Hirschhof in der Oderberger Straße in Prenzlauer Berg, deren namensgebende Plastik als originales Entwurfsmodell in der Ausstellung zu sehen ist.

Wie kaum ein anderes Medium prägt die Fotografie die Erinnerung an Ost-Berlin. Die gezeigten Aufnahmen von Fotografinnen und Fotografenwie Dieter Breitenborn, Rüdiger Disselberger, Harald Hauswald und Helga Paris geben uns noch heute Einblick in einen verschwundenen Alltag. Zwischen den Bildern der offiziellen Bildlieferanten Deutsche Werbe-und Anzeigengesellschaft (DEWAG) und des Allgemeinen Deutschen Nachrichtendienst (ADN) und denen der freien Fotografen werden unterschiedliche fotografische Positionen zur Gesellschaft deutlich. Dem Wohngefühl der DDR wird anhand von Musterwohnungen, einem Modell der Plattenbauserie „WBS 70“ und typischen Einrichtungsgegenständen nachgespürt. Das Wohnkonzept der „Platte“ erfreute sich nicht zuletzt aufgrund der lange unsanierten Altbauquartiere großer Beliebtheit. Wer konnte, richtete sich mit qualitativ hochwertigen Möbelstücken wie dem Sessel Modell 53693 aus den VEB Deutsche Werkstätten Hellerau ein. Die Designstücke nach dem Vorbild des Bauhaus-Stils waren zwischen Design und funktionalem Wohnen angesiedelt und sind heute beliebte Sammlerstücke.

Schaufenster des Sozialismus

Als Schaufenster des Sozialismus war Ost-Berlin ein privilegiertes Konsum-Mekka, das einen Hauch von Weltläufigkeit in der Enge der DDR bot. Mode war dabei zugleich gesellschaftliches Lebensgefühl und politisches Statement. Jeans galten als Produkt des Westens lange Zeit als jugendgefährdend. Erst seit 1974 waren in Anlehnung an die westliche Levi‘s die ostdeutschen Modelle Boxer, Wisent und Shanty erhältlich. Während im Modeinstitut der DDR Textil-, Konfektions-und Lederwarenkollektionen für die Industrie entworfen wurden, entstanden in Eigenproduktion häusliche Kleiderkollektionen, meist nach Schnittmustern des Magazins Sibylle, der „Vogue des Ostens“. Die Ausstellung zeigt, wie modische Freiräume genutzt und Kleidung zum Ausdrucksmittel individueller Lebensstile im Alltag wurde.

Die Wiederentdeckung von Ost-Berlin wird über das Museum Ephraim-Palais hinaus in die Stadt getragen. Gemeinsam mit den Berliner Regionalmuseen werden in der Reihe „Erkundungen vor Ort“ im Kontext der Ausstellung zahlreiche Veranstaltungen in den Bezirken präsentiert.

Begleitend zur Ausstellung ist der Essayband „Ost-Berlin. 30 Erkundungen“ mit Beiträgen u.a. von Götz Aly, Regine Sylvester, Marion Brasch, Lea Streisand, Mark Reeder und Lilli Berlinerschienen. Herausgegeben wurde der Band vom Ausstellungskurator Dr. Jürgen Danyel im Ch. Links Verlag.

Foto: Bundesarchiv/Eva Brüggmann

Weitere Informationen und Kontakt

OST-BERLIN. Die halbe Hauptstadt
bis 9. November 2019
Museum Ephraim-Palais, Poststraße 16, 10178 Berlin

www.ost.berlin

www.zzf-potsdam.de