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Big Deal

Ackerland wird knapp. Viele Industrienationen erwerben deshalb landwirtschaftlich nutzbare Flächen in Entwicklungsländern. Kerstin Nolte ist beteiligt an der Online-Plattform Land Matrix, die diese „Deals“ transparenter machen will.

  • Leibniz-Gemeinschaft: Für das Phänomen, über das wir sprechen wollen, gibt es viele Wörter – Landraub, Land Grabbing, Landnahme, Agrarinvestitionen… Welches benutzen Sie?

Kerstin Nolte: Das ist nicht ganz einfach zu beantworten. Im Begriff „Land Grabbing“ schwingt ja bereits eine negative Wertung mit. Investition kann aber auch positiv konnotiert sein. Mit der Wahl des Begriffs positioniert man sich also schnell. Ich versuche, neutrale Begriffe wie „Landerwerb“ zu verwenden. Begriffe wie „Land Grabbing“ oder „Investition in Agrarland“ benutze ich nur in genau definierten Kontexten.

  • Sprechen wir von einem neuen Phänomen?

Nein, es gibt in der Geschichte mehrere Beispiele von großflächigem Landerwerb. Ein prominentes Beispiel ist die Kolonialzeit, in der sich Kolonialmächte im großen Stil Land angeeignet haben. Dies hat bis heute starken Einfluss auf die Landverteilung und die Landverwaltung in den betroffenen Ländern. Aber auch nach der Unabhängigkeit gab es Beispiele, etwa die Landaneignung durch Regierungen oder nationale Eliten. Neu am aktuellen Phänomen ist das Ausmaß.   

  • Wie kommt es zu dem verstärkten Interesse in den vergangenen Jahren?

Der Druck auf die Ressource Land hat sich erhöht, da die Weltbevölkerung wächst und die Konsumansprüche steigen. Biokraftstoffe, hergestellt aus Ölpflanzen oder Getreide, werden zunehmend als Alternative zu herkömmlichen Energiequellen gesehen. Steigende Nahrungsmittelpreise machen die Landwirtschaft wieder lukrativer.

  • Welche Länder sind am gefragtesten?

Stark betroffen sind Länder in Afrika südlich der Sahara, etwa der Südsudan, die Demokratische Republik Kongo, der Kongo, Mosambik, Liberia, Sierra Leone und in Südostasien, etwa Indonesien, Kambodscha, Laos. Es gibt aber auch Fälle in Brasilien oder der Ukraine. Die Datenlage ist nach wie vor schlecht, daher sind diese Aussagen mit Vorsicht zu genießen.

  • Die Datenlage verbessern will die Online-Plattform Land Matrix, die Sie mit aufgebaut haben. Was leistet sie?

Noch immer herrscht Intransparenz, was den Landerwerb angeht. Die Land Matrix stellt Informationen bereit, die Transparenz und Rechenschaftspflicht bei Entscheidungen über Land fördern sollen. Hier werden zum ersten Mal systematisch internationale Landtransaktionen über 200 Hektar erfasst. Derzeit listet die Plattform rund 956 abgeschlossene Bodendeals und gibt Auskunft über Zielländer und Investoren.

  • Wer sind die Investoren und aus welchen Ländern kommen sie?

Die Klassifikation ist schwierig. Meist sind es private Investoren, aber auch Staaten spielen eine Rolle. In vielen Projekten tun sich mehrere Investoren zusammen, was es noch schwerer macht, das Geflecht zu verstehen. Die Hauptinvestoren stammen aus Industrieländern, etwa den USA, Großbritannien, den Niederlanden. Zudem spielen einige Schwellenländer wie Singapur, Indien, Brasilien und China eine wichtige Rolle sowie Investoren aus den Arabischen Emiraten und Saudi Arabien.

  • Um welche Dimensionen geht es bei den Flächen?

Insgesamt sprechen wir von einer Fläche von etwa 37 Millionen Hektar, das ist etwas mehr als die Gesamtfläche Deutschlands. Einige Deals sind sehr groß und übersteigen 100.000 Hektar, die meisten Deals liegen zwischen 1.000 und 50.000 Hektar. Wichtig zu erwähnen ist, dass die ersten Medienberichte oftmals enorme Größen publizieren. Die Fläche, die dann tatsächlich unter Vertrag genommen wird, ist oft viel kleiner - auf diese Größe beziehe ich mich. Und die Fläche, die dann tatsächlich bewirtschaftet wird, macht oft nur einen Bruchteil der Vertragsfläche aus.

  • Wie nutzen die Investoren das gepachtete Land?

Ein Großteil zielt auf landwirtschaftliche Projekte ab. Etwa 23 Prozent davon beinhalten Pflanzen für die Produktion von Agrartreibstoffen. Aber auch die Holzwirtschaft spielt eine wichtige Rolle. Einige Deals zielen auf Naturschutz- und Tourismusprojekte ab.

  • Erwirbt auch Deutschland Anbauflächen?

Es gibt einige deutsche Investoren, die meines Wissens alle privat sind. Die meisten dieser Investitionen finden in Afrika statt. Die Land Matrix listet zwölf deutsche Deals.

  • „Deals“ – was heißt das genau? Wird das Land wirklich verkauft oder handelt es sich um Pacht?

Meist sind es Pachtverträge. Viele dieser Verträge umfassen aber eine sehr lange Zeitspanne. Eine Dauer von 99 Jahren ist eher die Regel als die Ausnahme.

  • Die Debatte wird kontrovers geführt: Die einen klagen den gierigen Investor an, der Land stiehlt und dadurch ärmere Länder ausbeutet, die anderen rühmen den wohltätigen Investor, der mit seinem Geld die Entwicklung armer Länder vorantreibt. Was trifft zu?

Das lässt sich nicht abschließend beantworten, die Bewertung solcher Projekte kann eigentlich erst nach einigen Jahren erfolgen. Bislang lassen sich nur kurzfristige Auswirkungen beschreiben. Dabei ist oft von Vertreibungen und mangelnden Kompensationen zu berichten. Allerdings ist die Lage wirklich komplex. Fakt ist, es gibt nach wie vor keine wissenschaftliche Studie zu den Folgen der Investitionen, die über Fallstudienevidenz hinausgeht. Daher kann man kein allgemeines Urteil fällen. Sicher gibt es Fälle, in denen der Begriff „Land Grabber“ angebracht ist, genauso gibt es aber Investoren, die ernsthaftes Interesse an dem Projekt haben und positive Entwicklungsimpulse geben können. In diesem Bereich besteht definitiv weiterer Forschungsbedarf.

  • Oxfam und anderen Organisationen berichten regelmäßig von Millionen von Kleinbauern, die in den Ruin getrieben werden.

Eine große Gefahr liegt in den schlecht definierten und überlappenden Eigentumsrechten. Die Landverwaltungssysteme sind oft schwach und lassen zu viel Macht in der Hand einzelner Akteure. Dadurch verlieren vor allem diejenigen, die keine Macht haben. Dies ist eine Situation, die einige Investoren sicher ausnutzen.

  • Können Sie ein Beispiel nennen?

Insbesondere in Afrika ist Landbesitz häufig nicht klar definiert. Land gehört oft formell der Regierung oder wird als kommunales Land durch lokale Führer, genannt Chiefs, verwaltet. Einzelne Bauern wiederum haben oft nur traditionelle oder gewohnheitsrechtliche Nutzungsrechte – und damit keinen formellen Landtitel. Investoren beantragen nun Landtitel und sind dann gegenüber den titellosen Kleinbauern im Recht, auch wenn diese schon viel länger da sind. Damit ist eine Enteignung oder Vertreibung der Besitzer beziehungsweise Landnutzer zumindest formell rechtens. Länder in Afrika könnten aus diesem Grund ein besonders beliebtes Ziel von Investoren sein.

  • Angenommen, die Investoren sichern sich das fruchtbarste Land - was bleibt dann der Bevölkerung?

Das kommt auf das Land an. Ist es ein eher dünn besiedeltes Land wie etwa Sambia, dann führen solche Investitionen zu Verdrängungen: die Bevölkerung weicht auf weniger fruchtbares oder marginal gelegenes Land aus. Ist es ein Land, in dem Agrarland knapp ist, so weicht die Bevölkerung auf die Städte aus, wenn es in der Region keine alternative Einnahmequelle gibt, etwa durch Beschäftigung auf der Farm. 

  • Sie sprachen auch von positiven Impulsen durch Investoren.

In vielen Ländern, vor allem in Afrika, wurde über lange Zeit viel zu wenig in den landwirtschaftlichen Sektor investiert. Nach wie vor ist die Landwirtschaft aber die Existenzgrundlage für einen Großteil der Bevölkerung. Investoren bringen Infrastruktur und Know-how mit in ländliche Regionen. Wenn man Kleinbauern mit einbezieht, hätten solche Investitionen also durchaus das Potential, dass Zielländer der Regionen profitieren.

  • Was kann man der Land Matrix über die Art der Deals entnehmen – gibt es Hinweise darauf, wie fair ein Deal ablief?

Die Land Matrix geht für den einzelnen Deal sehr ins Detail. So gibt es Informationen zum Standort des Projekts, den Investoren, der genutzten Fläche, dem Ziel der Investition und den angebauten Produkten. Zudem listet die Land Matrix die einzelnen Quellen auf, so dass jeder Nutzer selber prüfen kann, ob der die Information für vertrauenswürdig hält. Besonders schwierig ist es, Dynamiken zu erfassen. Denn diese Art von Projekten ist nicht statisch, sondern ändert sich ständig. Wir versuchen über zwei Variablen, den „contract status“ und den „implementation status“, diese Änderungen zu verfolgen. Damit ist es möglich, einen Deal von der Anbahnung eines Vertrags über den Vertragsabschluss bis zum reifen Projekt, das produziert, zu verfolgen. Einige Projekte scheitern natürlich auch auf diesem Weg.

Ob ein Deal fair abläuft, kann man mit einer Datenbank nur schwer erfassen. Die Land Matrix fragt zum Beispiel nach Beteiligung und Reaktionen der lokalen Gemeinden, Kompensation und Vertreibungen. Dies kann wertvolle Hinweise geben, ist aber sehr schwierig zu erfassen.

  • Sie selbst haben sich Verhandlungsprozesse in Sambia angesehen. Wer ist daran beteiligt und wie laufen sie ab?

In Sambia gibt es zwei Arten von Land: Staatsland und sogenanntes „Customary land“, das von traditionellen Herrschern, den Chiefs, verwaltet wird, die in Sambia viel Macht haben. Der Chief verwaltet Land für die Gemeinde und ist oftmals Verhandlungspartner von Investoren. Einige Chiefs veräußern ihr Land, ohne die Bevölkerung zu informieren, zu ihrem persönlichen Vorteil. Andere wiederum wiedersetzen sich Investoren oder verhandeln für die Bevölkerung. Die Entscheidung liegt alleine bei den Chiefs. Veräußert ein Chief Land, so wird aus „Customary land“ Staatsland. Dadurch verlieren Chiefs auf lange Sicht an Macht und Einfluss.

  • Wer trägt Verantwortung dafür, dass der Handel fair abläuft?

Investoren, die in armen Ländern mit schwachen Regierungen investieren, kommt sicher eine besondere Verantwortung zu. Allerdings können nur die Regierungen der Zielländer nötige Rahmenbedingungen schaffen, damit Investoren, die sich dieser Verantwortung nicht bewusst sind, nicht ins Land kommen.

  • Was halten Sie von freiwilligen Richtlinien, wie sie von der Welternährungsorganisation FAO erlassen wurden?

Sie schaffen wichtige Standards und treiben die Diskussion voran. Allerdings sind sie, wie der Name sagt, freiwillig. Es wird also immer auch Investoren geben, die sich nicht daran halten.

Zur Person

Foto: Janina Pawelz

Kerstin Nolte ist w
issenschaftliche Mitarbeiterin am GIGA Institut für Afrika-Studien. Sie forscht in den Projekten "Landnahmen und nachhaltige Entwicklung", "Transparency, Dynamics and Impacts of Large-Scale Land Acquisitions (LSLA): Global and Local Evidence" und "The Land Matrix".