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Der Mäuse-Mikrochip

Zwei Millionen Mäuse und Ratten sterben jährlich in deutschen Versuchslaboren. Das muss sich ändern, dachte die Biologin Julia Sisnaiske und entwickelte eine erstaunliche Alternative: „lebendige“ Mikrochips. 


  • Leibniz-Gemeinschaft: Frau Sisnaiske, Sie wollen Versuchsmäuse durch Mikrochips ersetzen. Wie viele Tiere könnten Sie dadurch retten?

Dr. Julia Sisnaiske: Gehen wir mal davon aus, dass in den nächsten Jahren noch etwa 30.000 Chemikalien auf Risiken untersucht werden müssen. Man testet dabei zum Beispiel ihre Wirkung auf das Nervensystem — normalerweise an lebendigen Tieren, die dann zum Teil qualvoll verenden. Allein dafür benötigt man in Tierversuchen mehr als eine Million Mäuse oder Ratten. Mit Mikrochips wären es etwa 2.700, also ein Bruchteil davon.

  • Wie funktioniert so ein Mikrochip?

Auf einem kleinen Glas-Chip bilden wir quasi das Nervensystem einer Maus nach: Ich gebe Nervenzellen — sogenannte Neuronen — des Tieres auf den speziell präparierten Chip. Die Zellen verbinden sich dann zu einer Art Netz. Darauf träufeln wir die Substanz, die getestet werden soll und schauen, ob die Funktionsfähigkeit der Neuronen dadurch beeinflusst wird. So können wir die Wirkung der Chemikalie auf das Gehirn feststellen.

  • Und das funktioniert so gut wie am lebendigen Tier?

In mancher Hinsicht sogar besser: Mit dem Chip kann man die Wirkung einer Substanz über längere Zeiträume hinweg testen. Am Tier überprüft man immer nur die Auswirkungen zu einem bestimmten Zeitpunkt.

  • Werden für die Herstellung der Chips ebenfalls Tiere getötet?

Leider ja. Während meiner fünfjährigen Forschungsphase musste ich etwa 40 Mäuse töten, um an die Nervenzellen für die Chips zu kommen. Das ist natürlich nicht ideal. Daher forsche ich außerdem mit Stammzellen: Diese wurden zwar ursprünglich aus einem Mausembryo gewonnen, sind nun aber im Labor fast endlos teilbar. Hier stehe ich mit meiner Forschung aber noch ziemlich am Anfang.

  • Wie reagieren Forscherkollegen auf Ihre Erfindung?

Bisher eigentlich immer sehr begeistert.

  • Und werden die Chips schon in der Forschung eingesetzt?

Ich verwende sie bereits für meine eigenen Forschungen. Momentan gibt es aber noch viel zu verbessern. Wenn es dann so weit ist, werden wir den Chip sicher weitergeben. Interessenten gibt es jedenfalls genug.

  • Zeigt auch die Wirtschaft Interesse?

Wir haben bereits einen Industriepartner, der uns hilft, die Chips für die tatsächliche Anwendung im Forschungsalltag zu optimieren. Ein weiterer großer Vorteil sind übrigens die Kosten: Eine Versuchsmaus kostet 200 Euro — ein Chip nur zwei bis drei.

  • Was hat Sie zur Entwicklung dieser Mikrochips motiviert?

Das Thema Tierversuche war mir schon lange ein Herzensanliegen. Ich bin sehr tierlieb und besitze selbst drei Wüstenrennmäuse — Max, Moppel und Muffin. Bei einer Kooperation mit dem Leibniz-Institut für Analytische Wissenschaften haben wir dann diesen Mikrochip entwickelt und schnell entdeckt, dass er eine alternative Methode zu Tierversuchen bieten kann.

  • Werden Tierversuche bald der Vergangenheit angehören?

So schnell wird das leider nicht gehen, die Forschung ist noch nicht weit genug. Da aber viel auf dem Gebiet der Alternativmethoden geforscht wird, dürfte es zumindest bald weniger Tierversuche geben. Und hoffentlich werden sie in nicht allzu ferner Zukunft dann ganz überflüssig.

Zur Person

Dr. Julia Sisnaiske, 31, ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Leibniz-Institut für Arbeitsforschung an der TU Dortmund (IfADo), Projektgruppe Neurotoxikologie und Chemosensorik. Das IfADo erforscht die Potenziale und Risiken moderner Arbeit auf lebens- und verhaltenswissenschaftlicher Grundlage. Aus den Ergebnissen werden Prinzipien der leistungs- und gesundheitsförderlichen Gestaltung der Arbeitswelt abgeleitet.