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„Es gibt kein sicheres System“

Hacker – das sind doch Kriminelle, die fremde Daten klauen, oder? Nein, sagt Julia Erdogan. Hacker helfen vielmehr, uns für Themen wie Datenschutz zu sensibilisieren und sie sind maßgeblich an der Entwicklung neuer Technologien beteiligt. Die Historikerin erzählt im Interview von der Entstehung der Hackerbewegung, dem Hackerethos und ihrem Mehrwert für die Gesellschaft im Web 2.0.

  • Leibniz-Gemeinschaft: Ist Hacken aus Sicht der Forschung eher eine Gefahr für die Gesellschaft oder bringt es einen Mehrwert für die Sicherheit unserer Daten mit sich?

Julia Erdogan: Der Begriff des „Hackers“ war immer schon ambivalent. Hacker dringen natürlich in Netzwerke ein, machen unter Umständen Illegales und werden dadurch häufig mit Kriminellen gleichgesetzt. Aber gleichzeitig haben sie eine eigene Ethik, eine Philosophie, nach der sie handeln. Ihr erklärtes Ziel ist es, Computersysteme zu verbessern und sicherer zu machen. Dem beugen sie durch ihre Tätigkeit vor.  Entdecken sie Lücken, melden sie diese in der Regel dem jeweiligen Administrator. Wer sich gegen dieses Hackerethos wendet, wird aus der Gemeinschaft ausgeschlossen und gilt nicht mehr als Hacker.

  • Aber es gibt auch Hacker, die gezielt Schwachstellen in fremden Systemen angreifen.

Genau, solche „Black Heads“ halten sich nicht an Gesetze, während „White Heads“ auch immer eine politische und gesellschaftliche Motivation verfolgen, sie agieren nicht für ihren persönlichen Vorteil. So widerspricht es der Hackerethik, in Systeme einzudringen, um zum Beispiel Kreditkartendaten zu klauen und sich selbst damit zu bereichern. Natürlich kann das Wissen, in fremde Systeme zu kommen, auch für rein kriminelle und sogar terroristische Zwecke genutzt werden. Ein solcher Missbrauch wird in Hackerkreisen allerdings streng verurteilt. Wer die Hackerfertigkeiten zu solchen Taten nutzt, ist laut eigener Definition kein Hacker mehr. Übrigens ist seit 2007 im deutschen Strafgesetzbuch festgelegt, dass Hacken nicht strafbar ist, wenn es dazu dient, Sicherheitslücken aufzudecken. Mit ihrem Tun sensibilisieren die Hacker natürlich für den Datenschutz. Und sie tragen zur Weiterentwicklung moderner Technologien bei.

  • Inwiefern?

Zum Beispiel ist die Wahrscheinlichkeit, dass der Personal Computer ohne die Arbeit von Hackern entstanden wäre, sehr gering. Der erste PC wie wir ihn kennen ist so 1976 von Mitgliedern des „Homebrew Computer Clubs“ entwickelt worden, ganz unabhängig von der Wirtschaft und der Industrie. Heute konzentrieren sie sich aber eher auf die Software. Das von Hackern als anonymes Kommunikationsnetzwerk entwickelte Darknet etwa ermöglichte erst die Kontaktaufnahme zwischen Edward Snowden und Laura Poitras, die als erste Person Zugriff auf die Dokumente des Whistleblowers hatte. Und Hacker des Chaos Computer Clubs haben Journalisten für die Olympischen Spiele 2008 mit Crypto-USB-Sticks ausgestattet, mit denen sie in China gesperrte Seiten wie Facebook aufrufen und so kommunizieren konnten. Genauso entspringt die Free- und Open-Source-Bewegung den Hackerkreisen. 

  • Wie arbeiten Hacker denn an solchen Projekten zusammen?

In Deutschland ist der Chaos Computer Club die größte Vereinigung, die dezentral, basisdemokratisch und mit flachen Hierarchien in verschiedenen Untergruppen organisiert ist. Viele Hacker arbeiten aber auch in kleineren, unabhängigen Gruppen, etwa um im Auftrag von Unternehmen deren Sicherheitssysteme ganz legal auf Lücken und Schwächen zu überprüfen. Generell sind Hacker sehr soziale Menschen, sie tauschen sich regelmäßig persönlich aus. Übrigens sind hier auch Frauen absolut integriert, wenn es auch nicht viele weibliche Hacker gibt. In Anlehnung an die mittelalterliche Hexe werden Frauen in der Szene auch „Haeckse“ genannt – wieder eine Anknüpfung an unsere Geschichte. Viele Hackerorganisationen haben sich aber auch unabhängig voneinander entwickelt, sowohl in der BRD als auch in der DDR.

  • Es gab also auch in der DDR Hacker?

Ja, auch in der DDR haben einige Menschen mit den vorhandenen technischen Einzelteilen gebastelt. Das war auch bedingt durch die Mangelwirtschaft, die es oft unerlässlich machte, sich aus Vorhandenem Neues zu basteln. Die neuen Technologien wurden auch hier zu oppositionellen Zwecken genutzt, etwa um Flugblätter zu drucken. Nach dem Mauerfall haben Hacker in Ost- und Westdeutschland dann sehr schnell zueinander gefunden, weil sie ähnliche Werte, wie das Teilen von Wissen und Besitz, und Praktiken, wie das Basteln und Ausprobieren, verbanden.

  • Und wie ist die Bewegung im Westen entstanden?

Der Beginn ist in linken Kreisen der USA zu verorten – viele Hacker gingen aus der Free Speech-Bewegung hervor. Sie waren begeistert von neuen Technologien, und sie haben sich mit Computern beschäftigt, weil diese die Kommunikation und die Vernetzung untereinander erleichterten. Die Gruppe der Hacker ist aber sehr heterogen und auch mit den Linken und den Grünen haben Hacker immer wieder Streitpunkte.

  • Wenn die Bewegung so heterogen ist, gibt es denn etwas, das allen Hackern eigen ist?

Alle Hacker verbindet in erster Linie die Begeisterung für neue Technologien und der Wunsch, ein komplexes System zu verstehen und es auseinanderzunehmen. Gleichzeitig treten sie ein für eine Gesellschaft, in der jeder freien Zugang zu Informationen hat und Wissen uneingeschränkt geteilt wird. Das ist gewissermaßen ihr politisches und gesellschaftliches Interesse, aus dem heraus sie handeln. Deshalb greifen sie auch Systeme an, die den Zugang zu Informationen verwehren. Andersherum unterstützen Hacker einen Angriff wie kürzlich auf den Fernsehsender TV 5 nicht –hier wurde die Seite lahmgelegt und damit der Zugang zu Informationen verwehrt. Solche Täter sind laut eigener Definition auch keine Hacker, sondern einfach Kriminelle. Aber der Anschlag macht deutlich, wie groß die Schwachstellen eines solchen Systems sind.

  • Ist Hacken demnach als Protest zu verstehen?

Nein, ich würde es eher als Gegengewicht beschreiben. Während Proteste ja in der Regel auf als Missstand wahrgenommene Entwicklungen reagieren und meist schnell wieder abklingen, initiieren Hacker selbst Aktionen. Der im Hackerumfeld entstandene Hacktivism ist jedoch ganz klar eine Protestbewegung. Allerdings wird hier nur Hacker-Software von Aktivisten zweckentfremdet, ohne dass die Nutzer den Anspruch haben, im Detail zu verstehen, was technisch vor sich geht. Politisch motivierte Hacker selbst verstehen sich in der Regel aber als Watch Group, die durch ihre Arbeit auf Datenschutzlücken aufmerksam machen und Aufklärungsarbeit zur Computertechnologie leisten.

  • Gibt es Aktionen, die legendär geworden sind?

Der wohl bekannteste Angriff in Deutschland ist der Btx-Hack von 1984: Zwei Mitglieder des gerade neu gegründeten Chaos Computer Clubs haben sich in das Online-Banking-System der Deutschen Post gehackt und über das Netzwerk die Sparkasse Hamburg um knapp 135.000 DM erleichtert. Diese Aktion sollte zum einen die Deutsche Post auf ihr schlecht geschütztes Netzwerk aufmerksam machen, gleichzeitig ist sie aber auch als politische Aktion zu verstehen: Die Akteure wendeten sich damit gegen das Monopol der Post, die damals die Preise für Telefonanlagen diktiert hat. Das Geld haben die beiden Hacker übrigens direkt am nächsten Tag zurück überwiesen.
Ende der 80er Jahre kam es dann zum NASA-Hack, bei dem es einigen Hackern gelang, über das nur unzureichend gesicherte System des CERN in das NASA-Netzwerk und darüber in das Netzwerk von Philipps zu kommen, wo sie auf äußerst vertrauliche Daten zugreifen konnten.

Besonders umstritten auch in Hackerkreisen war der KGB-Hack, bei dem deutsche Hacker im Auftrag vom russischen Geheimdienst geheime Informationen der USA ausspioniert und an Russland verkauft haben. Viele Hacker haben sich damals von diesem Vorfall distanziert und betont, dass das Ethos des wahren Hackers nicht vereinbar ist mit der Arbeit für Geheimdienste – schließlich stehen diese im absoluten Gegensatz zu freiem Zugang zu Informationen. Bis heute ist es übrigens in Hackerkreisen schlecht angesehen, wenn Informationen besorgt werden, um diese dann zu verkaufen, anstatt sie der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

  • Solche Angriffe lassen vermuten, dass Hacker wirklich Unheil anrichten können.

Man darf ja nicht außer Acht lassen, dass auch die Experten auf der anderen Seite stetig nachrüsten. Jeder Hackerangriff führt zu verbesserter Sicherheitstechnik. Es gibt aber auch kein absolut sicheres System. Es stellt sich nur die Frage, wie groß die Hürden sind, sich in ein System zu hacken, ob sich der Aufwand lohnt und wie schnell der Angriff bemerkt und bekämpft würde.

  • In Ihrer Doktorarbeit schreiben Sie: „Hacker entwerfen Utopien einer Gesellschaft mit positivem Technikgebrauch“: Was genau ist damit gemeint?

Hacker sehen zum Einen die Risiken, die der Gebrauch aktueller Technologien mit sich bringt, halten aber auch eine generelle Ablehnung neuer Entwicklungen für fatal – erst wenn man lernt, mit der Maschine umzugehen, macht sie uns auch weniger Angst. Und Hacker haben schon immer gesehen, dass Technologien Neues schaffen und Menschen verbinden können. Viele Technologien, die wir heute selbstverständlich nutzen, wie etwa das Web 2.0, haben Hacker schon vor Jahren gefordert und mitgestaltet. Und sie wollen die schnelle, ungehinderte Kommunikation weiter ausbauen, sodass jeder Zugang zu allen wichtigen Informationen erhält. Es ist ein bisschen so wie die Zukunftsvision in der Serie „Star Trek“ und eben nicht wie im Film „Terminator“ oder in Orwells Roman „1984“: Gleichheit unter allen Menschen, egal welcher Herkunft und welchen Geschlechts, und Freiheit werden erreicht durch Wissenschaft, Forschung und die Technologie, die die Menschen verbindet.

Interview: Alessa Wendland

Zur Person

Julia Erdogan ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin und Doktorandin in der Abteilung Zeitgeschichte der Medien- und Informationsgesellschaft am Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam. Im Rahmen des Projekts „Aufbrüche in die digitale Gesellschaft. Computerisierung und soziale Ordnungen in der Bundesrepublik und der DDR“ untersucht sie, welche Rolle Hacker in modernen Gesellschaften einnehmen.

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