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Ungenutzt nützlich: Russlands Brachflächen

Russland besitzt riesige Flächen ungenutzten Ackerlands — und damit großes Potenzial für die globale Ernährungssicherung. Doch auch die Brachflächen sind wertvoll: Sie  verlangsamen den Klimawandel. Wie soll Russland handeln? Ein Gespräch mit Florian Schierhorn.

  • Leibniz-Gemeinschaft: Eine Brachfläche ist ein ungenutztes Stück Land. Was interessiert Sie daran?

Florian Schierhorn: Ackerland wird weltweit immer knapper, während die Nachfrage nach Agrarprodukten weiter steigt. Gründe dafür sind das Bevölkerungswachstum und ein höherer Fleischkonsum, aber auch die zunehmende Nutzung von Kraftstoffen, die aus Pflanzen hergestellt werden, etwa Biodiesel. Brachflächen bieten also großes Potenzial. Und in Russland gibt es 40 Millionen Hektar davon.

  • Warum gibt es gerade dort so viel ungenutzte Fläche?

Das ist ein Resultat des Systemwandels. Zu Sowjetzeiten wurde Nahrungsmittelselbstversorgung angestrebt. Daher hat man auch Flächen genutzt, die relativ unfruchtbar waren. Nach 1991 sanken die russischen Rinderbestände dann innerhalb von 20 Jahren um etwa zwei Drittel, da der Staat die Subventionen für Agrarbetriebe drastisch reduziert hat. Auch die Konkurrenz auf dem internationalen Markt hat dazu beigetragen, dass viele landwirtschaftliche Betriebe zusammengebrochen sind. Die so entstandenen Brachen haben aber auch große Vorteile: Sie spielen eine wichtige Rolle für das globale Klima.

  • Inwiefern?

Auf den Brachflächen wachsen Gräser, Sträucher und Bäume. Dadurch wird Kohlenstoff in der Vegetation und im Boden gespeichert und somit der Atmosphäre entzogen, was den Klimawandel verlangsamt. Unsere Forschung hat ergeben, dass die Menge des gespeicherten Kohlenstoffs in Folge der Flächenaufgabe in Russland einem Drittel der Menge an CO2 entspricht, die jährlich durch die USA emittiert wird. Das sind große Zahlen.

  • Ist sich Russland dieser Funktion seiner Brachflächen bewusst?

Politisch wird dem wohl wenig Beachtung geschenkt — wie auch anderswo dominiert das Gewinnbestreben. Die Forschung zum Thema Brachflächen wird aber durchaus wahrgenommen. Mein Kollege Alexander Prishchepov hat erst vor kurzem unsere Forschungsergebnisse in der Duma vorgestellt und nicht wenige russische Politiker ins Staunen versetzt. Das Bewusstsein für die riesigen Brachflächen und die vielfältigen Nutzungsoptionen ist jedoch leider noch eher gering.

  • Letztlich steht man vor einem Konflikt: Ernährung oder Umwelt.

Ja, man muss sich entscheiden: Will man eine weitergehende Wiederbewaldung und den Aufwuchs von Sekundärvegetation und damit Klimaschutz? Oder eben Landwirtschaft. Allerdings ist dieser Nutzungskonflikt natürlich nicht binär: Wie viel Kohlenstoff in Folge der Flächenaufgabe gespeichert werden kann, hängt von vielen Faktoren ab, vor allem vom Klima, den Bodeneigenschaften und der Pflanzenproduktivität. Zudem ist die natürliche Produktivität von landwirtschaftlichen Flächen, die wesentlichen Einfluss auf die Erträge von Getreide haben, räumlich sehr unterschiedlich. Daher muss lokal geschaut werden, wie viel Kohlenstoff in Folge der Flächenaufgabe gespeichert oder wie produktiv dort Landwirtschaft betrieben werden kann. Unsere Modelle könnten hier helfen.

  • Was würden Sie den Russen raten?

Aus Sicht des Umweltschutzes sollten vorrangig jüngere und für die Landwirtschaft produktive Flächen wieder genutzt werden. Jüngere Brachflächen haben in der Regel relativ geringere Mengen Kohlenstoff gespeichert. Zudem sind die Kosten ihre Rekultivierung meist geringer als für ältere Brachen, wo beispielsweise Bäume entfernt werden müssen. Aus Sicht der Landwirtschaft muss die fortschreitende Aufgabe landwirtschaftlicher Flächen aufgehalten werden. Junge Menschen müssen für die Landwirtschaft begeistert werden, denn häufig schließen Betriebe, weil der Nachwuchs fehlt. Der russische Staat steht vor der Herausforderung, die Infrastruktur auszubauen. Russische und internationale Investoren zeigen großes Interesse an den Brachflächen, allerdings sind die Rahmenbedingungen für Landwirtschaft in Russland nicht einfach.

  • Auch deutsche Bauern und Unternehmer pachten oder kaufen Land in Russland auf.

Verlässliches Datenmaterial gibt es leider nicht, aber tatsächlich scheinen deutsche Investoren in den vergangenen Jahren verstärkt in die russische Landwirtschaft einzusteigen. Vieles ist attraktiv: Günstige Pacht- oder Kaufpreise großer und häufig fruchtbarer Äcker, geringe Produktionskosten, der relativ hohe Milchpreis in Russland und die hohen staatlichen Subventionen. Außerdem bemüht sich die russische Regierung um westliches Kapital und Know-how. Alles zusammen scheint die häufig schwierigen Rahmenbedingungen für die Landwirtschaft in Russland aufzuwiegen. 

  • Was für Pläne haben die Russen für die Brachflächen?

Zurzeit versucht Russland, die Selbstversorgung mit tierischen Produkten zu erhöhen und subventioniert diesen Sektor verstärkt. In der Schweine- und Geflügelproduktion hat man den letzten Jahren bereits erhebliche Zuwächse erzielt, während der Rindersektor noch weit zurückhängt. Für die Fütterung der Tiere werden Flächen zur Futtermittelproduktion benötigt. Bauern, die ihr Land für einige Jahre nicht nutzen, werden enteignet. Auch so versucht man, die weitere Aufgabe landwirtschaftlicher Fläche zu verhindern.

  • Welche Auswirkungen hat die Ukraine-Krise?

Der Importstopp und die steigenden Preise dürften zu weiteren staatlichen Investitionen in die Tierproduktion führen. Ob die russischen Bestände in Folge dessen deutlich wachsen werden, ist allerdings fraglich. Kürzlich haben uns holländische Investoren um unsere Expertise hinsichtlich der Ertragsaussichten größerer Flächen in einer Region südöstlich Moskaus gebeten. Dort sollten Brachflächen wieder genutzt und bestehende Flächen produktiver genutzt werden. Die Gespräche waren weit fortgeschritten, mit der Verschärfung der Ukraine-Krise wurden allerdings sämtliche Aktivitäten der Investoren in Russland bis auf weiteres eingestellt. Ich gehe nicht von einem Einzelfall aus und befürchte, dass die Krise die Investitionsbereitschaft nachhaltig verschlechtert haben wird.

Interview: Sophie Peter

Zur Person

Florian Schierhorn ist Doktorand am Leibniz-Institut für Agrarentwicklung in Transformationsökonomien (IAMO) in Halle, Abteilung Betriebs- und Strukturentwicklung im ländlichen Raum. Bei seiner Forschungsarbeit treibt ihn die Frage um, wie sich angesichts einer wachsenden Weltbevölkerung die Nahrungsmittelproduktion steigern und gleichzeitig negative Auswirkungen auf die Umwelt so gering wie möglich halten lassen.

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