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Forscher im Netz

Immer mehr Forscherinnen und Forscher nutzen Facebook, Wikipedia & Co für ihre Arbeit. Guido Scherp erklärt, wie das die Wissenschaft verändert.

  • Leibniz-Gemeinschaft: Herr Scherp, wie oft haben Sie heute schon Ihre E-Mails gecheckt?

Dr. Guido Scherp: Heute Vormittag in der Bahn war es schwierig. Ansonsten reserviere ich mir ein Zeitfenster und checke meine Mails in der Regel alle 15 Minuten.

  • Haben Sie heute schon gebloggt?

Nein. Im Forschungsverbund "Science 2.0" haben wir ein Blog und dort versuche ich auch etwas beizutragen, aber privat betreibe ich kein Blog.

  • Der Zusatz „2.0“ taucht inzwischen fast inflationär auf. Was genau bedeutet er?

Das leitet sich von Web 1.0 und Web 2.0 ab. Mit Web 1.0 bezeichnet man das read web, also das lesbare Web mit statischen Seiten. Der Nutzer kann nur konsumieren, nicht produzieren. Web 2.0 ist das sogenannte read write web, das heißt man liest nicht nur, sondern schreibt auch etwas, beispielsweise eigene Inhalte oder Kommentare. Da diese so genannten Web 2.0-Anwendungen häufig einen sozialen Charakter haben, wird auch der Begriff Social Web bzw. Social Media verwendet.

  • Und was ist Science 2.0?

Science 2.0 bedeutet, dass Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler moderne Webtechnologien wie Social Media nutzen, um sich den Forschungsalltag zu erleichtern. Sie tun viele Dinge online, beispielsweise um die Kommunikation zu verbessern.

  • Es ist also alles nur eine Frage der Kommunikation?

Nein, bei Science 2.0 geht es auch um neue Wege in der Forschung. Stichworte hier sind Open Science und Open Access. Open Science ist der Oberbegriff für verschiedene Ansätze, Prozesse in der Wissenschaft zu öffnen und sämtliche Forschungsergebnisse frei zur Verfügung zu stellen. Open Access steht für den freien Zugang zu wissenschaftlichen Materialien, insbesondere Literatur.

  • Wie kann man sich Open Science in der Praxis vorstellen?

Die Bekämpfung der EHEC-Epidemie 2011 ist ein gutes Beispiel dafür. Zunächst wurde die DNA des entsprechenden EHEC-Bakteriums bestimmt und anschließend unter einer freien Lizenz veröffentlicht.  So konnten sich weitere Wissenschaftler an der Analyse beteiligen. Die Ergebnisse wurden über Blogs und Wikis zusammengetragen, frei zugänglich gemacht und diskutiert. Am Ende kamen sogar gemeinschaftliche Open Access-Publikationen heraus.

  • Welche Webtechnologie wird von Wissenschaftlern am häufigsten genutzt?

Wir haben deutschlandweit eine Umfrage unter Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern gemacht. Ganz vorne landete Wikipedia, 99 Prozent nutzen das, 95 Prozent im beruflichen Kontext. Wobei man sagen muss, dass die meisten natürlich Leser sind. Nur wenige schreiben auch einmal selbst etwas.

  • Ist Wikipedia seriös genug für die Wissenschaft?

Für die Vermittlung wissenschaftlichen Wissens ist Wikipedia sehr sinnvoll. Ich benutze es selbst oft, um Begriffe nachzuschlagen, nach dem Motto „Was bedeutet das nochmal und wie hängt das mit anderen Begriffen zusammen?“. Und jeder gute Wikipedia-Artikel hat entsprechende Literaturhinweise, über die man bei Bedarf weiter recherchieren kann. Die Zitation von Wikipedia-Artikeln in wissenschaftlichen Arbeiten ist aber nach wie vor unüblich, insbesondere wenn es wissenschaftliche Literatur zu dem Thema gibt.

  • Anwendungen wie Skype und Dropbox sind im Web 2.0 bereits geläufig. Welche Webtechnologien sind zurzeit auf dem Vormarsch?

Technologien, die ich selbst zunehmend nutze, sind kollaborative Editoren wie GoogleDocs oder Etherpad. Dabei bearbeiten mehrere Personen mit Hilfe des Internetbrowsers gemeinsam ein Dokument. Forschergruppen können so dezentral beispielsweise an einer gemeinsamen Publikation arbeiten, sowohl zeitgleich als auch unabhängig voneinander.

  • Gibt es auch den Wissenschaftler 2.0?

Wir haben im Rahmen der vorhin erwähnten Umfrage vier Social-Media-Typen in der Wissenschaft identifiziert. „Ms Maker“ nutzt die Social-Media-Kanäle durchschnittlich oft, also einmal wöchentlich, sieht die Themen Sicherheit und Privatheit im Social Web aber kritisch. Häufiger als dieser Typ tritt nur „Mr Tech“ in Erscheinung. Er ist im Vergleich zu „Ms Maker“ technikaffin und insgesamt aufgeschlossener gegenüber den technischen Neuerungen. Als Randgruppen existieren „Mr Classic“, der Professor, der diese Technologien eher nach Aufforderung benutzt, als aus eigenem Antrieb und „Mr Nerd“, dem Vorreiter in allen Social-Media-Entwicklungen.

  • Welche Rolle spielen soziale Netzwerke?

Ich denke, dass sich soziale Netzwerke im Forschungsalltag zunehmend etablieren werden, sei es zur Vernetzung unter Wissenschaftlern oder in der Wissenschaftskommunikation. Dabei spielen sowohl allgemeine Plattformen wie Facebook, Twitter, Google+ und Co.  eine Rolle als auch speziell für Wissenschaftler geschaffene Dienste wie ResearchGate und Mendeley. Diese Angebote liegen aber alle in der Hand kommerzieller Anbieter, hier gibt es einige Bedenken insbesondere zu datenschutzrechtlichen Fragen. Eine freie und nicht-kommerzielle Alternative wäre VIVO, hier ist eine dezentrale Erstellung und Vernetzung von Profilen möglich.

  • Wird Wissenschaft durch das Social Web besser?

Besser in dem Sinne, dass die Forschungsprozesse effizienter und transparenter werden. Es gibt einen einfacheren Zugriff auf Forschungsergebnisse und viel mehr Rückkopplungskanäle, über die ein Forscher sich frühzeitig und umgehend Feedback zu seinen Ergebnissen oder auch Ideen einholen kann.

  • Ist das nicht riskant? Was, wenn andere Forscher die eigenen Ideen aufgreifen und somit den Erfolg für sich verbuchen?

Diese Befürchtung existiert noch bei vielen, insbesondere bei der Publikation von Forschungsdaten. Generell wird aber auch das Potential gesehen, die eigene Forschung über entsprechende Diskussionen im Social Web zu verbessern. Nur benötigen Bloggen und Twittern eben auch Zeit, wovon Wissenschaftler per se wenig haben. Und ein wissenschaftliches Blog wird in der Regel auch nicht in der klassischen Bewertung von Wissenschaft berücksichtigt. Der gute Forscher von heute erwirbt viele Drittmittel, publiziert in angesehenen Journalen (und nicht im Netz) und lehrt an der Universität.

  • Wie können solche Hemmnisse überwunden werden?

Es gibt bereits Ansätze, die die Bewertung von wissenschaftlicher Qualität mit dem „Fußabdruck“ des Wissenschaftlers im Social Web verbinden. Ein Forscher, der bloggt und twittert – welche Rückschlüsse lassen sich daraus auf seine wissenschaftlichen Qualitäten ziehen? Diese Sichtweise steckt jedoch noch in den Kinderschuhen.

  • Die erhöhte Webpräsenz erzeugt eine größere Transparenz. Wie weit öffnet sich auch der Zugang zur Wissenschaft?

Weit. Bei Citizen Science-Projekten zum Beispiel beteiligen sich Bürger an Forschungsaktivitäten. Sie zählen und klassifizieren dann etwa Vögel, die sie in ihrem Garten sehen und melden diese, beispielsweise über eine Smartphone-App. Mit Hilfe der Webtechnologien kann die Arbeit der Datenerfassung auf eine viel größere Gruppe als die der Wissenschaftler verteilt werden. Social Media-Technologien können diese so genannte bürgerbeteiligte Forschung unterstützen und fördern.

  • Werden wir auch ein Science 3.0 erleben?

Die digitale Revolution und die daraus resultierende „Internetisierung“ der Wissenschaft sind entscheidende Evolutionsschritte, die sich konsequent weiterentwickeln werden. Dabei werden auch zukünftig geeignete Technologien für die Wissenschaft übernommen. Man kann also gespannt auf die weiteren Entwicklungen schauen, die schon heute diskutiert werden. Beispielsweise das „Web 3.0“, das Internet, in dem Maschinen Informationen selbstständig interpretieren und weiterverarbeiten können. Oder, noch spannender, das „Web 4.0“ – hier tritt das Web allgegenwärtig in unserem Lebensraum und wir kommunizieren mit dem intelligenten Web wie sonst nur mit Menschen.

Interview: Kristian Kaltschew

Zur Person

Dr. Guido Scherp ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Deutschen Zentralbibliothek für Wirtschaftswissenschaften – Leibniz Informationszentrum Wirtschaft (ZBW). Er koordiniert den transdisziplinären Forschungsverbund „Science2.0“, der disziplinübergreifend fragt, wie das Internet mit seinen zahlreichen Social Media-Anwendungen Forschungs- und Publikationsprozesse in der Wissenschaft verändert.

Leibniz-Forschungsverbund Science2.0