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Wie sage ich es meinen Schülern?

Und am Ende bekommst Du eine Note: Diese Form der Leistungsbeurteilung von Schülerinnen und Schülern kennt jeder. Aber könnte es nicht hilfreich sein, die Lernenden schon viel früher und kontinuierlich über ihren Lernstand zu informieren und darauf basierend gezielt zu fördern? Ja, findet Katrin Rakoczy.

  • Leibniz-Gemeinschaft: Was ist eigentlich der Sinn von Noten im Schulunterricht?

Katrin Rakoczy: Leistungen am Ende eines bestimmten Zeitraums zu benoten ist dann sinnvoll, wenn man ein Leistungsergebnis im Vergleich zu anderen beurteilen möchte. Allerdings sagen solche Beurteilungen nichts darüber aus, wo individuelle Stärken und Schwächen im Lern- und Arbeitsverhalten liegen und wie sich die Kinder konkret verbessern können.

  • Was schlagen Sie vor?

Ein frühes und regelmäßiges Feedback, das die Lernenden darüber informiert, was sie schon können und wo sie noch Schwierigkeiten haben. Dadurch merken Schülerinnen und Schüler, ob sie auf dem richtigen Weg sind und sie lernen, ihre eigenen Fähigkeiten besser einzuschätzen. Das Feedback sollte außerdem aufzeigen, wie man seinen Lernprozess und in Folge dessen seine Lernergebnisse verbessern kann. Wenn die Kinder solche Hinweise während und nicht erst am Ende eines Leistungszeitraumes erhalten, haben sie selbst die Möglichkeit, die empfohlenen Lernstrategien anzuwenden und sich zu steigern.

  • Welche Wirkung zeigt diese Methode?

Ein solches Feedback wird von Lernenden als nützlicher wahrgenommen als Noten. Dadurch trauen sie es sich selbst eher zu, gute Leistungen zu erbringen. Diese Erfolgserlebnisse führen häufig zu größerem Interesse an den Inhalten, was mit einer weiteren Leistungssteigerung verbunden sein kann. Dabei ist eine gewisse Regelmäßigkeit wichtig, um sich an den Umgang mit den Rückmeldungen zu gewöhnen. Es wird eine Kultur geschaffen, in der Fehler als Möglichkeiten gelten, um hilfreiche Dinge über das eigene Lernen und nächste Lernschritte zu erfahren.

  • Wie haben Sie das untersucht?

Wir haben mehrere aufeinander aufbauende Studien durchgeführt. Zunächst haben wir auf Basis der aktuellen Erkenntnisse aus der Feedbackforschung eine schriftliche Rückmeldevariante entwickelt, die das Lernen fördert – das sogenannte prozessorientierte Feedback. Diese Rückmeldung haben wir Schülerinnen und Schüler in einer experimentellen Studie nach einem Mathematiktest gegeben und anhand von Fragebogen und weiteren Tests untersucht, wie sie das Feedback wahrnehmen und wie sich ihr weiterer Lernprozess gestaltet. Diese Befunde haben wir in einer folgenden Studie in den realen Mathematikunterricht eingeführt und erprobt. Wir haben die Rückmeldevariante so weiterentwickelt, dass Lehrkräfte sie selbst anwenden konnten. Dabei zeigten sich ähnliche Auswirkungen auf den Lernprozess. Schließlich haben wir die Lehrerinnen und Lehrer umfassend darin geschult, solches Feedback für ihre eigenen Unterrichtsinhalte eigenhändig zu entwickeln und anzuwenden.

  • Funktioniert das nur im Mathematikunterricht?

Nein, die Methode kann auch auf andere Fächer übertragen werden, wenn die Rückmeldung dem Inhalt angepasst wird. Mathematik eignet sich aber besonders gut für die prozessorientierte Rückmeldung, da etwa 80 Prozent der Zeit mit der Bearbeitung von Aufgaben verbracht wird. Das Feedback gibt den Lernenden Hinweise, ob sie bei der Aufgabenbearbeitung richtig vorgehen.

  • Ist das Verfahren nicht zu aufwändig für die Unterrichtspraxis?

Wir haben versucht, in der angesprochenen Studienabfolge eine Feedbackvariante zu entwickeln, die die Lehrerinnen und Lehrer nutzen können, ohne zu viel zusätzliche Zeit investieren zu müssen. Dennoch ist ein gewisses Maß an Engagement notwendig, denn die Rückmeldungen bringen zunächst weiteren Aufwand mit sich. Langfristig gehen wir jedoch davon aus, dass die Lehrkräfte eine gewisse Feedback-Routine bekommen. Die Informationen über die Leistungen ihrer Schülerinnen und Schülern und der Befund, dass Motivation und Leistung durch das gegebene Feedback steigen, vereinfachen den Unterricht zusätzlich.

  • Sind Schulnoten also ein Auslaufmodell?

Nein, beide Bewertungsformen haben ihre Daseinsberechtigung. Mit Hilfe der Schulnoten wird der Leistungsstand anhand bestimmter Kriterien und im Vergleich zu anderen Leistungen festgehalten, um darauf basierend Bewertungen und Selektionsentscheidungen für die weitere Bildungslaufbahn zu treffen. Dagegen sollen mit dem prozessorientieren Feedback Leistungen während des Lernprozesses differenziert erfasst werden, um individuelle Förderung zu ermöglichen.

Interview: Felix de Caluwe

Zur Person

Dr. Katrin Rakoczy ist wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Abteilung „Bildungsqualität und Evaluation“ des Deutschen Instituts für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF). Sie gehört zum Leitungsteam des Projekts Co²Ca, das untersucht, wie sich Schülerinnen und Schüler mit lernbegleitender Diagnostik und Rückmeldungen fördern lassen.

Ihre Forschungsschwerpunkte sind:

  • Motivation im Unterricht
  • Unterrichtsqualität
  • Rückmeldung
  • Formatives Assessment im Unterricht

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