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Balanceakte

28. Juli 2017 Deutsches Museum

Von der Draisine zum Wasserstoff-Fahrrad: Eine Sonderausstellung feiert den 200. Geburtstag des Radfahrens — mit einmaligen Exponaten, Bildern und Geschichten rund um die Fahrrad-Leidenschaft.


Bild: Deutsches Museum

Fast genau 200 Jahre ist es her, dass Karl Freiherr von Drais in Mannheim zum ersten Mal sein berühmtes Laufrad erprobte. Im Sommer 1817 erreichte er mit seinem fast 50 Pfund schweren Gerät eine für damalige Verhältnisse sensationelle Geschwindigkeit von geschätzt knapp 15 Stundenkilometern. Seitdem ist viel passiert: Vollverkleidete Liegeräder schaffen es heute auf gut 140 km/h, und das Radfahren ist von einem skurrilen Vergnügen zu einer Massenbewegung geworden. Das Verkehrszentrum des Deutschen Museums erzählt bildreich die Geschichte des Radfahrens von Drais bis heute mit einer großen Sonderausstellung, die diese 200 Jahre lange wechselhafte Geschichte erfahrbar macht. Ab 28. Juli bis zum 22. Juli 2018 ist „Balanceakte“ für die Besucher geöffnet. Auf rund 1000 Quadratmetern werden rund 100 Fahrräder präsentiert – von einer Original-Draisine bis hin zu einem hochmodernen Brennstoffzellen-Fahrrad.

Wolfgang M. Heckl, Generaldirektor des Deutschen Museums, sagt über die Ausstellung: „Sie fügt sich hervorragend ein in die Reihe unserer großen Sonderausstellungen.  ,Willkommen im Anthropozän‘ und ,energie.wenden‘ haben viel mit Nachhaltigkeit zu tun. Und das hat ,Balanceakte‘ natürlich auch – denn das Fahrrad ist ja das nachhaltigste Verkehrsmittel überhaupt.“

Drei Schwerpunkte hat die Ausstellung: Technik und Wirtschaft, Kultur und Sport, Mobilität und Verkehr. „Laufmaschine und Fahrrad sind ja ursprünglich nicht als Verkehrsmittel genutzt worden, sondern waren Abenteuermaschinen", sagt Bettina Gundler, Leiterin des Verkehrszentrums und eine der Kuratorinnen der Ausstellung. Sie fasziniert besonders an den „Balanceakten“, welchen gesellschaftlichen Wandel man an der Geschichte des Fahrrads zeigen kann: Von einem Vergnügen für Reiche wurde es in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg zum Hauptverkehrsmittel für die Bevölkerung. Dann drängte die Motorisierung das Zweirad ins Abseits. Heute ist es wieder auf der Überholspur - als Alltagsverkehrsmittel und manchmal auch Weltanschauungs-Fortbewegungsmittel. Davon zeugen auch die Exponate: Das ursprüngliche von Drais entwickelte Laufrad war eine Kuriosität - heute werden Lastenräder als stadttaugliche Alternative zum Auto eingesetzt, und wer es sich denn leisten kann und mag, fährt teure Luxusräder. Dabei sind die „Balanceakte“ natürlich nicht nur zum Anschauen: Besucher können vor Ort auch ausprobieren, wie ein Laufrad funktioniert – oder wie man auf einem winzigen Clownsrad vorankommt.

Einmalige Exponate gibt es in der Ausstellung zuhauf: Ein von Drais selbst lizensiertes Laufrad ist zu sehen, die erste bekannte bayerische Laufmaschine, aber auch Fahrräder, die für den Alltag wichtig wurden, wie ein in den USA produziertes Großserienrad, dem man durch die Jugendstil-Optik deutlich ansieht, aus welcher Zeit es stammt. Ein Hochrad mit einem Raddurchmesser von 1,60 Metern gehört ebenso zu den Exponaten wie ein Militärklapprad. Oder ein edles Holzrahmenrad, das nicht nur für die hohe Kunst der Technik, sondern mit einem fünfstelligen Preis auch für ein Statussymbol unter den heutigen Fahrrädern steht. Der jüngste Zugang zur Sammlung ist ein Wasserstofffahrrad, das mit Brennstoffzellen funktioniert.

Rund 100 Räder stehen und hängen in der Sonderausstellung, weitere gut 50 werden in der Dauerausstellung des Verkehrszentrums präsentiert. Hippe Designer-Bikes mit Gold-Muffen aus dem 3D-Drucker gehören dazu, Räder, die aus Bambus sind oder komplett vernickelt. Kinderträume wie das Bonanza-Rad aus den 1970er-Jahren – oder ein BMX-Rad aus den 80ern. Und skurrile Gefährte, die heute vermutlich zu Recht in Vergessenheit geraten sind, weil die Fortbewegung auf ihnen so ungeheuer absurd aussah - wie das „Trimmrad“ Cavallo.

Aber die Ausstellung zeigt nicht nur einmalige Exponate, sondern zudem viele Bilder - und sie erzählt Geschichten über die Fahrrad-Leidenschaft. In der Abteilung „Kultur und Sport“ ist die komplette Trophäensammlung eines historischen Radvereins zu sehen. Erinnert wird auch an den bayerischen Radsport-Helden Thaddäus Robl, der zwei Mal Weltmeister wurde und später bei einem Flugzeugabsturz starb. Historie zum Hören gibt es mit der Queen-Single „Bicycle Race“, deren Video in den 70ern noch für einen handfesten Skandal sorgte. Und auch für die ganz alltäglichen Radl-Geschichten ist hier Platz: Bettina Gundler und ihre Kollegen haben persönliche Erzählungen von Zeitungslesern und Interneteinsendungen ausgewählt, die samt Fotos in der Ausstellung präsentiert werden. „Am meisten berührt mich das Fahrrad einer Dame, die schon weit über 80 Jahre alt war, als sie uns ihr Rad gestiftet hat“, sagt Kuratorin Gundler. „Sie hatte es 1936 zur Konfirmation geschenkt bekommen – und dann sage und schreibe 70 Jahre lang gefahren.“

Ebenfalls stolz ist Gundler auf die von der Formation München entwickelte Szenografie der Ausstellung: Das Fahrrad wird in seinem „natürlichen Lebensraum“ gezeigt - nämlich in Stadt und Land. Optischer Gag ist eine Eingangsszene, die eine Legende über die Erfindung des Laufrads illustriert – Karl Drais steht auf einem Vulkan und zeigt auf ein Kinderlaufrad. Hintergrund ist eine umstrittene These, nach der Drais unter dem Eindruck der 1816 grassierenden Hungersnot und einem vermehrten Pferdesterben das Zweirad erfunden haben soll. Vorangegangen war der Hungerkrise ein Vulkanausbruch, dessen Staubteilchen in der Atmosphäre ein „Jahr ohne Sommer“ auch in Europa verursachten. „Klimaänderungen und extreme Wetterereignisse kennen wir ja auch und suchen Abhilfe in nachhaltigen technischen Lösungen, zu denen heute auch wieder das Fahrrad gehört“, so Gundler. „Selbst wenn Drais bei seinen Erfindungen eher an die Förderung der Ökonomie dachte, galt doch auch für seine Zeit: Not macht erfinderisch!“

Am Eröffnungswochenende, 29. und 30. Juli, wird es nicht nur ein umfangreiches Führungsprogramm geben. Die Besucher können besondere Fahrräder ausprobieren und erfahren, welches E-Bike zu ihnen passt. Wer Lust hat, kann sich auch auf Energiebikes im Wettbewerb messen. So kommt im Verkehrszentrum 200 Jahre nach Drais‘ Jungfernfahrt mehr als eine reine Jubiläumsausstellung  ins Rollen – es ist ein Balanceakt zwischen anschauen und ausprobieren, zwischen entdecken und erfahren.

Kontakt

Gerrit Faust
Leitung Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Deutsches Museum
Tel.: +49 / (0)89 / 21 79 – 281
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