© Jan Zappner

Kontakt

Leibniz-Gemeinschaft
Referat Kommunikation
Chausseestraße 111
10115 Berlin
Tel.: 030 / 20 60 49 - 48
Fax: 030 / 20 60 49 - 55

Jahrhunderterbe

15. Mai 2017 Germanisches Nationalmuseum

Eine hochkarätige Schenkung mit Zeichnungen bildender Künstler bereichert seit kurzem die Sammlung des GNM. Ausgewählte Werke zeigt nun die Ausstellung "Von Kirchner bis Baselitz".


Foto: George Grosz: Porträt Max Herrmann-Neisse, 1926, Bleistift auf Papier, Germanisches Nationalmuseum 

Die Austellung läuft vom 11.05 - 10.09.2017

Der 2015 verstorbene Kunstschriftsteller, Kunstsammler und Fotograf Hans Kinkel vermachte dem Germanischen Nationalmuseum seine erlesene Kollektion von fast 400 Zeichnungen der Moderne. Mit einer Auswahl von insgesamt 124 Blättern gibt die Ausstellung einen ersten Überblick über diese hochkarätige Erbschaft mit Blättern von bildenden Künstlern, die in Deutschland die Kultur des 20. Jahrhunderts maßgeblich prägten. Mit zahlreichen Meisterzeichnungen entfaltet die Sammlung ein breites Panorama der Zeichenkunst vom Spätimpressionismus über den Expressionismus und die Neue Sachlichkeit bis zur Abstraktion.

„Es ist der bedeutendste Neuzugang der letzten 20 Jahre für die Graphische Sammlung“, hebt Generaldirektor Prof. Dr. G. Ulrich Großmann hervor.

Kinkel als Fotograf

Über Jahrzehnte interviewte und fotografierte Hans Kinkel zahlreiche Künstler. Aus diesem Fundus von mehr als 1.000 Aufnahmen bilden 35 Porträts von in der Ausstellung vertretenen Künstlern den Auftakt der Präsentation. Sie gliedert sich in zehn Sektionen, die die besonderen Vorlieben Kinkels und seine thematischen Schwerpunkte spiegeln. Den Fotos folgen – in Anlehnung an den Ausstellungstitel – die Zeichnungen „Erna mit Stirnreif“ von Ernst Ludwig Kirchner und der „Große Kopf“ von Georg Baselitz. Während der Brücke-Künstler mit einem reduzierten graphischen Vokabular die seelische Verfassung seiner Lebensgefährtin einfängt, zerstört Baselitz mit wilden Linien seinen Kopf scheinbar vor den Augen des Betrachters.

Welche Rolle die Themen „Bildnis“ und „Figur“ in der Sammlung Kinkel spielen, veranschaulichen die Sektionen „Der Blick in den Spiegel“, „Gesichter der Avantgarde“ und „Modell und Idealfigur“. Unter den Selbstbildnissen ragen insbesondere eine Zeichnung von Karl Hubbuch und eine von Jeanne Mammen heraus: Der junge Hubbuch, noch auf der Suche nach der eigenen Identität, hält überraschenderweise nicht seine körperliche Erscheinung fest.

Vielmehr zeigt er stellvertretend seine Kleidung und Masken seines Gesichtes. Rund 20 Jahre später gibt sich die damals arbeitslose Janne Mammen – von ihr existieren nur drei Selbstbildnisse – mit erbarmungslosem Blick ängstlich und ohne Selbstvertrauen wieder.

In der Porträtgalerie sind berühmte Schriftsteller, Galeristen und Künstler der Weimarer Republik vereinigt. Zu ihnen gehört das schonungslos-analytische Konterfei des Schriftstellers Max Herrmann-Neisse, das das Bild des Intellek-tuellen in der Weimarer Republik nachhaltig prägte. George Grosz porträtierte seinen Freund in mehreren Bildern.

Seltene Bildhauerzeichnungen

Zum Kern der Kollektion gehören Bildhauerzeichnungen, eine Auswahl ist in der Sektion „Modell und Idealfigur“ zu sehen. Dazu zählt das ergreifende Blatt „Mutter und toter Sohn“ von Käthe Kollwitz, auf der die Künstlerin der trauernden Mutter ihre eigenen Züge verlieh. Hans Theo Richter hingegen tilgte in seinen Blättern alle individuellen Merkmale seiner „Zufallsmodelle“: Er zeichnete so lange, bis er die Gestalt auf das Wesentliche verdichtet hatte. Während seiner ganzen Karriere fühlte er sich zur Bildhauerei hingezogen, wozu ihm nach eigener Aussage jedoch die Kraft fehlte. Er kompensierte dies, indem er sich in seinem Werk hauptsächlich auf Aktdarstellungen konzentrierte und sie seit 1935 ausschließlich in schwarz-weiß ausführte.

Der Mythos der Großstadt oder „Das Dickicht der Städte“ ist mit etlichen bemerkenswerten Zeichnungen präsent – wie beispielsweise in Karl Hubbuchs „Wahrzeichen“. 1926 reiste der Künstler zum ersten Mal nach Paris und hielt dort auf seinen Streifzügen den Eiffelturm fest. Die Perspektive ist ungewohnt, der Ausschnitt begrenzt. Durch die Distanz zu den Häusern im Hintergrund und das kleine Flugzeug am Himmel vermittelt das Blatt ein Gefühl für die Dimensionen des Pariser Wahrzeichens. Werner Heldts Blatt „Straße“ von 1948 erscheint dagegen wie ein Traumbild. Nach 1945, vor dem Hintergrund kriegszerstörter Städte, verfremdete der Künstler seine melancholischen Stadtlandschaften zu „Häuserstillleben“.

Neben Stadtbildern beanspruchen im Kinkel-Bestand auch Landschaftsdarstellungen ihren Platz. Unter der Überschrift „Horizonte“ ist beispielsweise die „Baumgruppe am Wasser“ von Karl Schmidt-Rottluff zu entdecken: 1907 bis 1912 mietete sich der Brücke-Künstler mehrfach in Dangast an der Nordsee ein, wo 1911 unweit des Kurorts die Baumgruppe einer Insel im Park der Sommerresidenz des Großherzogs von Oldenburg in Rastedeentstand, die er fast bis zur Gegenstandslosigkeit vereinfachte.

Von Stillleben bis zur Abstraktion

Die Sektion „Das stille Leben der Dinge“ fasst ausgewählte Stillleben zusammen. Sie reicht von der intimen Zeichnung „Hand mit Rose“ von Lovis Corinth bis zu den scheinbar sachlichen Produktbildern eines Konrad Klapheck. Nach der Heirat mit Charlotte Behrend zeichnete Corinth in einem Zeitraum von etwa 20 Jahren zahlreiche kleine Studien seiner Frau. In dem ausgestellten Blatt fing er die Schönheit einer Rose ein, die von den unverwechselbaren Händen seiner Frau gehalten wird. Klapheck dagegen ordnete Produkte wie der Schreib-oder Nähmaschine entweder ein weibliches oder ein männliches Geschlecht zu und versah sie mit menschlichen Eigenschaften. Schuhe, die im Kosmos des Künstlers weiblich sind, repräsentieren beispielsweise zwischenmenschliche Verhaltensweisen und Beziehungen.

Breiten Raum nehmen außerdem Zeichnungen der Nachkriegszeit ein, die einen Bogen vom Informel bis zur neuen Figuration schlagen. Für „Abenteuer Abstraktion“ steht stellvertretend das Blatt „Djerba“ von Emil Schumacher. Der Künstler besuchte die tunesische Insel erstmals 1962 und schuf dort eine Gruppe bedeutender Papierarbeiten, die selten visuelle Eindrücke wiedergeben. „Djerba“ lässt allenfalls vage Anklänge an die Insel mit ihren weißen Bauwerken in schlicht-kubischen Formen aufscheinen. Mit der Spannung zwischen Material und Form führt es eher ein bildhaftes Eigenleben.

Großes Interesse hegte Hans Kinkel auch für die Illustrationszeichnung, die die Ausstellung unter dem Motto „Bilder und Worte“ mit Beispielen von Paul Holz, Josef Hegenbarth und Jules Pascin vorstellt. Als „Gäste“ charakterisierte er Arbeiten von Mitgliedern der Académie Matissewie Oskar und Marg Moll oder von Künstlern aus dem Kreis des Café du Dôme im Pariser Stadtteil Montparnasse. Hier traf sich die internationale künstlerische Avantgarde, darunter deutsche Künstler wie Hans Purrmann oder Rudolf Großmann. Unter dem Stichwort „Inspiration Paris“ werden ihre Zeichnungen neben Blättern von Henri Matisse und Alexander Archipenko gezeigt. 

Kontakt

Dr. Sonja Mißfeldt
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Germanisches Nationalmuseum  (GNM)
Tel.: 0911 / 13 31-103
presse(at)gnm.de

www.gnm.de