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Luther, Kolumbus und die Folgen

12. Juli 2017 Germanisches Nationalmuseum

Aufbruchstimmung und Endzeit-Angst, Wissensdurst und Neugier-Verbot — eine Ausstellung mit 200 Exponaten veranschaulicht das dramatische Nebeneinander, das den Umbruch zur Neuzeit prägte.


Bild: Lucas Cranach: Bildnis Martin Luthers im fünfzigsten Lebensjahr, 1533 | Germanisches Nationalmuseum, Nürnberg | Dauerleihgabe der Bayerischen Staatsgemäldesammlung

Sonderausstellung zum Reformationsjubiläum: Luther, Kolumbus und die Folgen. Welt im Wandel 1500–1600
13. Juli – 12. November 2017

Die „Entdeckung“ eines neuen Erdteils, die Reformation der Kirche und die Vorstellung eines heliozentrischen Weltbilds: „Luther, Kolumbus und Copernicus stellten grundlegende, bis dahin als alternativlos geltende Vorstellungen von der Beschaffenheit der Welt in Frage“, sagt Dr. Thomas Eser, der Kurator der Ausstellung. Welche Auswirkungen hatten diese Neuerungen auf das Europa des 16. Jahrhunderts? Wie veränderten sie die Gesellschaft? In seiner großen Sonderausstellung anlässlich des Reformationsjahres 2017 richtet das Germanische Nationalmuseum in Nürnberg erstmals den Fokus auf die Folgen dieser bahnbrechenden Veränderungen.  

Rund 200 Exponate veranschaulichen das dramatische Nebeneinander von Aufbruchstimmung und Endzeit-Angst, von Wissensdurst und Neugier-Verbot, das die Umbruchjahre zur Neuzeit prägte. Die Sonderschau beleuchtet mit hochkarätigen Leihgaben – darunter eigenhändige Manuskripte von Luther, Kolumbus und Copernicus, die noch nie in Deutschland zu sehen waren – und bedeutenden Werken aus dem eigenen Bestand die im Wandel befindliche Welt zwischen 1500 und 1600.

„Nach der vielbeachteten Ausstellung anlässlich des 500. Geburtstags von Martin Luther 1983 nimmt das Germanische Nationalmuseum erneut ein Reformationsjubiläum zum Anlass für eine Sonderschau. Dem Zeitgeist entsprechend stellen wir die Reformationszeit jetzt in einen breiten mentalitäts- und kulturgeschichtlichen Kontext und ziehen Parallelen bis in die Gegenwart“, begeistert sich Generaldirektor Prof. Dr. G. Ulrich Großmann über das Konzept.

1. Skandal, Irrtum und Hypothese

Die Ausstellung beginnt mit Porträts der drei großen Neuerer am Anfang des 16. Jahrhunderts: Luther, Kolumbus und Copernicus. Das heute gängige Bild von Martin Luther als Revolutionär steht in starkem Kontrast zu seinem eigenen Bemühen, den alten Urzustand der Kirche wiederherzustellen. Auch Christoph Kolumbus versprach sich lediglich einen neuen Seeweg zum fernsten Teil der „Alten Welt“ – und beabsichtigte nicht, eine „Neue Welt“ zu entdecken. Ebenso berief sich Nikolaus Copernicus auf altes Wissen, als er mit seinem heliozentrischen Modell auf die antike Idee von um die Sonne kreisenden Planeten vertraute. Obwohl ungewollt, ebneten die drei Zeitgenossen den Weg für Neues, indem sie mit etablierten Vorstellungen brachen – oder sie zumindest in Frage stellten.

2. Die 95 Thesen Martin Luthers

Bereits im 16. Jahrhundert begann die Stilisierung des vermeintlichen Thesenanschlags zum Wendepunkt und Beginn der Reformation. Dabei suchte Luther zunächst gar nicht die öffentliche Auseinandersetzung. Seine Thesen schickte er am 31. Oktober 1517 als Beilage zu einem Schreiben an die Bischöfe Hieronymus Schulz und Albrecht von Brandenburg, um einen innerkirchlichen, fachlichen Diskurs über den Ablasshandel anzustoßen. In der Ausstellung sind seine „95 Thesen“ in einem 1517 – also ganz frühen, noch im Reformationsjahr – erschienenen, mit handschriftlichen Hervorhebungen versehenen Druck zu sehen. Daneben sind private Schriftwechsel ausgestellt, in denen Luther sein Glaubensverständnis erläutert. Unautorisierte Nachdrucke der 95 Thesen, meist wie in der Ausstellung in Flugschriftenformat und seltener in Plakatform, begannen eine unbeabsichtigte Eigendynamik zu entwickeln.

3. Lust und Last des Neuen

Entdeckungsfahrten und Expeditionen führten den Zeitgenossen im 16. Jahrhundert immer deutlicher vor Augen, dass allein am Schreibtisch betriebene Forschungen unzureichend waren. Das tradierte Wissen aus alten Büchern wurde zunehmend hinterfragt, eigene Erfahrungen und Experimente gewannen an Ansehen. Damit legte das 16. Jahrhundert entscheidende Grundsteine für die moderne Wissenschaft. In der Ausstellung veranschaulicht das Nebeneinander von Globen und Karten aus dem 16. Jahrhundert, wie radikal sich das Bild von der Welt innerhalb weniger Jahrzehnte veränderte. Autopsien erweiterten das Wissen über Pflanzen und Körper. Objekte aus fernen Ländern, exotische Tiere oder sogar Menschen wurden öffentlich ausgestellt und bestaunt – und weckten die Lust am Fremdartigen und Außergewöhnlichen. Das wissenschaftliche Interesse setzte ein Umdenken in Gang, eine neue, positive Haltung gegenüber einem seit Augustinus heftig abgelehnten Laster: der „Curiositas“, der Neugierde.

4. Endzeiterwartung und Prognostik als Bewältigungsstrategien

Die Vorstellung von einer offenen und fortschrittlichen Zukunft war Luther und den ihm folgenden Generationen weitgehend fremd. Zukunft war Endzeit, alles Geschehen lief seit der Geburt Christi unerbittlich auf seine Wiederkehr am Jüngsten Tag zu. Nachdem der Reformator den Papst als Antichrist enttarnt zu haben glaubte, stand der Tag gemäß der Bibel unmittelbar bevor. Diese Vorstellung verunsicherte und ängstigte viele, zugleich beruhigte sie auch mit ihrem Versprechen auf Erlösung aus einer vor dem Zerfall stehenden Welt. Gemälde mit Darstellungen des Jüngsten Gerichts demonstrieren die Einteilung der Welt in Gut und Böse: Die Verdammten werden in Ketten gelegt und von dämonischen Mischwesen in den Höllenschlund gezerrt, während Petrus die Seligen über Wolken ins Himmelreich geleitet. Zeitgenossen begannen, ihre Umwelt nach Vorzeichen für den nahen Welt-untergang abzusuchen: Ungewöhnliche Sternenkonstellationen oder Wetterphänomene galten als Vorboten für Unheil. Zugleich führte das kontinuierliche Beobachten des Himmels zu einem besseren Verständnis der Natur.

5. Gegenwelten und (innere) Rückzugsorte

Parallel entbrannte der Wunsch nach Rückzugsorten. Kunst- und Wunderkammern sowie Menagerien waren nicht nur Orte des Kunstsammelns und der Repräsentation. Ungewöhnliche Phänomene, seien sie natürlichen oder künstlichen Ursprungs, wurden hier gesammelt und bewundert – wie beispielsweise ein Automat in Gestalt eines Mönchs aus der Zeit um 1560. Ein ausgeklügelter Mechanismus sollte ihn lebendig erscheinen lassen: Das Fahrwerk täuschte Schrittbewegungen vor, es bewegten sich Hände, Füße und der Kopf, die Augen rollten und der Mund öffnete sich. Der Automat diente der „Kurzweil“ und Faszination, darüber hinaus stellte er die Betrachter vor die intellektuelle Herausforderung, seine Funktionsweise zu durchschauen. Das Wissen um solch innovative Erfindungen wurde meist nur ausgewählten Personen weitergegeben, wissenschaftliche Kenntnis wurde zum Kapital.

6. Es wird kälter

Im 16. Jahrhundert durchlief Europa eine Phase der Abkühlung – im tatsächlichen wie metaphorischen Sinn. Die Krisen waren nicht nur von Menschen gemacht, auch die extremen Witterungsbedingungen der „Kleinen Eiszeit“, die zwischen 1560 und 1630 einen Höhepunkt aufwies, griffen mit Hungers-nöten und Epidemien auf sehr elementare Weise ins damalige Leben ein. Die Ausstellung endet entsprechend mit damals neu aufkommenden Darstellungen von Winterlandschaften. Statt, wie von Geistlichen aller Konfessionen gefordert, in Buße zu verharren, suchten viele Zeitgenossen nach Schuldigen für die Kälteperiode. Flugblätter und Verhörprotokolle aus Zauberei- und Hexereiprozessen zeugen von einer rigorosen, „verhärteten“ Rechtsprechung gegen die Beschuldigten. Zugleich faszinierten Hexenbilder als unmoralische Gegenwelt und Projektionsfläche für Sexualfantasien.

7. Wie gehen wir mit Veränderungen um?

Am Ende der Sonderschau schlägt die Präsentation einen Bogen in die Jetzt-Zeit. Hier können Besucher auf Tablets diskutieren und die Ausstellung kommentieren. Denn leben wir heute nicht auch in stürmischen Zeiten? Verunsichern sie uns oder lassen sie uns mit noch größerer Zuversicht in die Zukunft blicken? Was können wir aus der Geschichte lernen? Hier sieht sich das GNM in der Verantwortung, aufzuklären und zu Diskussionen anzuregen.

„DATEV begleitet normalerweise Unternehmen dabei, ihre betriebswirtschaftlichen Abläufe zu digitalisieren. Mit diesem Projekt unterstützen wir nun ein Museum bei der Umsetzung eines digitalen Ausstellungskonzepts“, erläutert Claus Fesel, Leiter für Marketing und Kommunikation der DATEV. „Überzeugt hat uns, dass die Digitalisierung hier nicht einfach nur eine Begleitung zur Ausstellung ist, sondern das Konzept qualitativ ergänzt. Besucher bekommen viele zusätzliche Informationen, können schon vorab oder im Nachgang Themen vertiefen und ihre Kommentare hinterlassen. So stellt man sich eine sinnvolle digitale Strategie für eine solche Ausstellung vor.“

Auch Matthias Everding von der Zukunftsstiftung der Sparkasse Nürnberg ist begeistert von der digitalen Museumsdidaktik: „Die neue Technik und die sich hieraus ergebenden Erkenntnisse zum Besucherinteresse können auch für künftige Ausstellungen im Germanischen Nationalmuseum genutzt werden – eine wichtige Voraussetzung für die Förderung durch die Zukunftsstiftung der Sparkasse Nürnberg.“

Website zur Ausstellung

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Dr. Sonja Mißfeldt
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