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Metabolisches Syndrom leichter erkennen

10. Oktober 2017 | Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie

Immer mehr Kinder sind vom Metabolischen Syndrom betroffen, das unter anderem durch Übergewicht und Bluthochdruck gekennzeichnet ist. Ein neues Referenzsystem soll die Diagnose erleichtern.


Übergewicht, Bluthochdruck, Insulinresistenz und ein gestörter Fettstoffwechsel sind die vier Kennzeichen des Metabolischen Syndroms, von dem immer häufiger bereits Kinder betroffen sind. Die gesundheitlichen Folgen können lebensbedrohliche Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Diabetes sein. Um möglichst früh geeignete therapeutische Maßnahmen einleiten zu können, ist es daher wichtig, betroffene Kinder rechtzeitig zu identifizieren und eine verlässliche Diagnose zu stellen. Lange fehlten dazu jedoch entsprechende Referenzwerte, an denen sich Kinder- und Jugendärzte orientieren konnten. Das BIPS hat auf Basis von Daten der IDEFICS-Studie ein Referenzsystem entwickelt, das genau diese Lücke schließt und von internationalen Experten zur weltweiten Nutzung empfohlen wird. Zudem hat das BIPS ein webbasiertes Online-Tool entwickelt, das Kinder- und Jugendärzten die neuen Referenzen zugänglich macht und sie bei der Diagnose des Metabolischen Syndroms unterstützt. Ganz im Sinne des Wissenstransfers schafft das BIPS damit eine direkte Verbindung vom wissenschaftlichen Ergebnis zum öffentlichen Nutzen.

Übergewicht und Fettleibigkeit im Kindesalter haben im Laufe der letzten Jahrzehnte in Europa und auf der ganzen Welt massiv zugenommen. Die gesundheitlichen Folgen – besonders im späteren Erwachsenenalter – können erheblich sein. So ist starkes Übergewicht ein wesentlicher Risikofaktor unter anderem für Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Das Metabolische Syndrom

Übergewicht ist dabei meist nur der Anfang einer langen und sich über viele Lebensjahre hinweg ziehenden Ursache-Wirkungskette, an deren Ende Diabetes oder ein Herzinfarkt stehen können. Insbesondere Fettgewebe, das in der Bauchhöhle zwischen den Organen eingelagert wird (Intraabdominales Fett, oder auch: Viszeralfett), begünstigt die Entstehung des sogenannten Metabolischen Syndroms – eines Krankheitsbildes, bei dem mehrere Symptome in unterschiedlich starker Ausprägung gleichzeitig auftreten.

Die International Diabetes Federation (IDF) definiert das Metabolische Syndrom über folgende vier Hauptsymptome:

  • Übergewicht (Adipositas) mit abdomineller Fettverteilung
  • Dyslipidämie (eine Störung im Fettstoffwechsel)
  • Insulinresistenz
  • Bluthochdruck

Bei dieser Definition wird klar, dass leichtes Übergewicht allein noch nicht zwangsläufig die Alarmglocken der Eltern schrillen lassen muss. Überschreiten jedoch drei oder gar vier Komponenten bestimmte Grenzwerte, liegt ein Metabolisches Syndrom mit entsprechend dringendem Handlungsbedarf vor.

Und bei genau diesen Grenzwerten gab es bislang noch große Unsicherheiten. Neben der Definition der IDF gibt es noch andere, die sich voneinander unterscheiden und somit zu unterschiedlichen Ergebnissen bei der Diagnose des Metabolischen Syndroms führen. Darüber hinaus leitet sich etwa die gängige Definition der IDF von Daten ab, die für Erwachsene erhoben wurden. Diese lassen sich jedoch nicht ohne weiteres auf Kinder „herunterrechnen“, da sich in der Kindesentwicklung etwa Köpergröße und -proportionen – und damit auch die Fettverteilung – stark verändern. Zudem haben auch die Pubertät und damit verbundene Veränderungen im Hormonhaushalt starken Einfluss – etwa auf die Insulinsensitivität. Und nicht zuletzt: Aufgrund der limitierten Übertragbarkeit auf sehr junge Menschen empfiehlt etwa die International Diabetes Federation, dass das Metabolische Syndrom nicht bei Kindern unter 10 Jahren diagnostiziert werden sollte. Kinder unter 6 Jahren wurden wegen der unzureichenden Datenlage sogar komplett aus der Definition herausgenommen.

Abhilfe durch die Daten der IDEFICS-Studie

Um angesichts dieser zahlreichen Unsicherheiten und Einschränkungen Abhilfe zu schaffen, entwickelten Forscherinnen und Forscher des BIPS ein völlig neues, flexibles Referenzsystem, das auf Daten der IDEFICS-Studie basiert. Im Fokus der IDEFICS-Studie (Identification and prevention of dietary- and lifestyle-induced health effects in children and infants) standen kindliches Übergewicht und Adipositas und deren langfristige Auswirkungen auf die Gesundheit. An der IDEFICS-Studie beteiligt waren 23 renommierte Forschungsinstitute und klein- und mittelständische Unternehmen aus 11 verschiedenen EU-Mitgliedsstaaten. Koordiniert wurde die Studie vom BIPS.

Das neue Referenzsystem fußt auf den Daten von mehr als 12.000 Kindern aus acht europäischen Ländern im Alter von drei bis zehn Jahren und ist – die große Stärke des Systems – alters- und geschlechtsspezifisch. In internationalen Fachkreisen hat das Referenzsystem des BIPS bereits Anklang gefunden. So empfehlen Experten in einem jüngst erschienenen Kommentar in der Fachzeitschrift Lancet Child Adolesc Health eine weltweite Nutzung des Systems zur Diagnose des Metabolischen Syndroms bei Kindern.

(http://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S2352464217300433)

Nutzbar für Alle: das Online-Tool

Um Kinder- und Jugendärzten genau diesen diagnostischen Zugang schnell und unkompliziert zu ermöglichen, hat das BIPS im Rahmen eines vom Bundesministerium für Gesundheit geförderten Projekts ein webbasiertes Online-Tool entwickelt.

Um das Online-Tool für die Diagnose nutzen zu können, erhebt der behandelnde Arzt die folgenden Parameter:

  • den Hüftumfang (als Gradmesser für die abdominelle Fettverteilung)
  • Triglyzerid- bzw. HDL-Cholesterinwerte (zur Identifikation von Kindern mit schlechten Blutfettwerten)
  • den Nüchternglucosewert (als möglichen Hinweis auf einen gestörten Zuckerstoffwechsel)
  • den systolischen/diastolischen Blutdruck (als Hinweis auf Bluthochdruck)

Anschließend trägt der Arzt die Werte der Messungen zusammen mit dem Alter, dem Geschlecht und der Größe des Kindes in die Eingabemaske ein. Bereits während der Eingabe der Daten zeigen verschiedene Grafiken, inwieweit sich die Messwerte des Kindes von denen seiner Altersgenossen unterscheiden. Liegen diese Messwerte bei mindestens drei der vier Hauptsymptome in einem auffälligen Bereich (oberhalb des sogenannten 90%-Perzentils), empfiehlt das Online-Tool, die Entwicklung des Kindes aufmerksam weiterzuverfolgen (Monitoring Level). Bei noch deutlicherer Abweichung von der Norm (oberhalb des 95%-Perzentils) wird eine pädiatrische Intervention empfohlen – der Arzt sollte also zügig therapeutisch eingreifen (Action-Level).

Darüber hinaus errechnet das Online-Tool einen Score, der sämtliche Komponenten des Metabolischen Syndroms in einem für Alter und Geschlecht standardisierten, aggregierten Wert abbildet. Der behandelnde Arzt verfügt somit über ein stetiges Maß, mit dem sich insbesondere Änderungen im zeitlichen Verlauf der Entwicklung eines Kindes beobachten lassen.

Zu guter Letzt lassen sich nach Eingabe der nötigen Parameter sämtliche Messwerte, dazu gehörende Referenzkurven und die zusammenfassende Bewertung der Ergebnisse in einem kompakten PDF-File mit Klick auf den Download-Button herunterladen.

Kinder- und Jugendärzten wird damit ein schnell und einfach nutzbares und auf neuesten Daten basierendes Werkzeug an die Hand gegeben, das sie bei der Diagnose eines Metabolischen Syndroms bei Kindern unterstützt.

Das Online-Tool kann über die Internetseite des BIPS unter folgender Adresse aufgerufen und frei genutzt werden:

www.bips-institut.de/forschung/software/mets-score.html

Kontakt

Nils Ehrenberg
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie - BIPS
Tel: +49 (0)421 218-56780
ehrenberg(at)leibniz-bips.de

www.leibniz-bips.de