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Parteien scheitern am Klimaziel

24. August 2017 Institut für Weltwirtschaft

Das in Paris beschlossene 2-Grad-Ziel soll umgesetzt werden, darin sind sich die Parteien einig. Umweltökonomen halten jedoch ihre Wahlprogramme in puncto Klimaschutz für unzureichend.


Foto: Alexandre Godreau/Unsplash

Die Maßnahmen zum Klimaschutz in den Wahlprogrammen der vier koalitionsrelevanten Parteien CDU/CSU, SPD, FDP und Die Grünen sind nicht ausreichend, um das in Paris beschlossene 2-Grad-Ziel zu erreichen. Alle vier Parteien machen den Wähler fälschlicherweise glauben, das Ziel sei alleine durch die Einsparung von Treibhausgasen erreichbar. Sie vermeiden eine Aussage zum Einsatz weiterer notwendiger Technologien, die im Pariser Klimaschutzabkommen vorgesehen sind.

Zwar bekennen sich alle vier koalitionsrelevanten Parteien CDU/CSU, SPD, FDP und Die Grünen zum Pariser Klimaschutzabkommen und damit zu dem Ziel, den Anstieg der globalen Mitteltemperatur bis zum Jahr 2100 unter 2°C zu halten. Allerdings ist keines der Programme ausreichend, um das Ziel auch tatsächlich zu erreichen. Zu diesem Schluss kommen die Umweltökonomen Christine Merk und Wilfried Rickels vom Institut für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel, die die Parteiprogramme analysiert haben.

„Alle vier Parteien machen den Wähler fälschlicherweise glauben, alleine mit der Einsparung von Treibhausgasemissionen die durchschnittliche Erwärmung der Erdtemperatur auf zwei Grad begrenzen zu können. Tatsächlich ist längst wissenschaftlicher Konsens, dass dafür auch der Einsatz von Technologien zum Entzug von CO2 aus der Atmosphäre und dessen Speicherung notwendig ist“, sagte Wilfried Rickels, Leiter des Forschungsbereiches Umwelt und natürlich Ressourcen.

Sogenannte Negative Emissionen (NETs) entziehen der Atmosphäre mit Hilfe natürlicher biologischer und chemischer Prozesse bereits ausgestoßenes CO2, das dann langfristig in Bäumen, im Ozean oder unter der Erde gespeichert werden muss. Wird der Atmosphäre mehr CO2 entzogen als gleichzeitig emittiert wird, erreicht man negative Emissionen. „In den aktuellen Berechnungen des Weltklimarats (Intergovernmental Panel on Climate Change, IPCC), die Grundlage des Pariser Klimaschutzabkommens sind, ist der Einsatz dieser Technologien bereits enthalten, und ohne sie ist das 2-Grad-Ziel, geschweige denn das 1,5-Grad-Ziel, gar nicht einhaltbar“, so Rickels.

„Das gilt umso mehr, da die zugrundeliegenden idealisierten Annahmen einer global abgestimmten ambitionierten Klimapolitik in der Praxis nicht zutreffen. Eine zunehmende ‚Trumpisierung‘ der internationalen Klimapolitik mit Abkehr von internationalen Emissionsreduktionsvereinbarungen erhöht die Notwendigkeit von NETs in den Ländern, die den Klimawandel begrenzen wollen.“

Selbst unter der Annahme einer global abgestimmten und ambitionierten Klimapolitik sind nach den Berechnungen des IPCC negative Emissionen spätestens in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts notwendig. Dafür müsste bereits in den nächsten Jahren auf breiter Front mit der Erforschung und Entwicklung von NETs begonnen werden. In Deutschland ist die Speicherung von CO2, etwa im Erdreich, nach Protesten aus der Bevölkerung seit 2012 aber mit sehr strengen Auflagen verbunden, die praktisch wie ein Verbot wirken. „Augenscheinlich aus Angst vor Stimmenverlust will bedauerlicherweise keine der vier großen Parteien den Wählern die Wahrheit zumuten“, sagte Rickels.

Die Grünen etwa setzen in ihrem Wahlprogramm zur Erreichung der Pariser Klimaziele auf den vollständigen Umstieg auf erneuerbare Energien zur Stromerzeugung bis 2030. Zum Einsatz weiterer Technologien heißt es, man habe bereits heute „das Wissen, die Technik und den Erfinder*innengeist, um die Klimakatastrophe noch abzuwenden“. „Alleine Strom aus erneuerbaren Energien zu erzeugen, reicht bei aber weitem nicht aus“, so Rickels. „Außerdem haben wir im Bereich der NETs gerade eben nicht das nötige Wissen und die Technik, um damit zu arbeiten“.

„Hierin liegt der Widerspruch: Natürlich könnten sich Parteien aus möglicherweise sogar guten naturwissenschaftlichen, ökonomischen und gesellschaftlichen Gründen gegen den Einsatz dieser oder ähnlicher Technologien positionieren, sie können aber nicht gleichzeitig behaupten, die Erwärmung auf zwei Grad oder weniger begrenzen zu wollen“, so Rickels.

Die Analyse „Klimawiderspruch“ (www.ifw-kiel.de/medien/fokus/2017/ifw-fokus-202) von Christine Merk und Wilfried Rickels erschien in der Reihe IfW-Fokus.

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Mathias Rauck
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