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Reformansätze im DDR-Bauwesen

19. Mai 2017 | Leibniz-Institut für Raumbezogene Sozialforschung

Im DDR-Bauwesen gab es kritische Diskurse und inopportune Forschung, die auf Reformansätze hinweisen. Ein neues Onlineportal macht nun zahlreiche Dokumente zugänglich.


In einem Erschließungs- und Vermittlungsprojekt haben die Wissenschaftlichen Sammlungen zur Bau- und Planungsgeschichte der DDR des Leibniz-Instituts für Raumbezogene Sozialforschung (IRS) eine Vielzahl von Dokumenten für die Forschung zugänglich gemacht, die Hinweise auf Reformansätze im DDR-Bauwesen geben. Die Quellen dokumentieren kritische Diskurse, inopportune Forschungen und nicht-gleichgeschaltete Planungen. Das holzschnittartige Bild der DDR als in jeder Hinsicht hierarchisches und zentralistisches System kann dadurch teilweise differenziert werden.

Im Januar 1951 schrieb der Landschaftsarchitekt Reinhold Lingner einen Brief an den DDR-Ministerpräsidenten Otto Grotewohl. Darin zeigte sich Lingner verärgert über die Verschleppung eines von ihm geleiteten Projekts, in dessen Rahmen landschaftliche Schäden durch industrielle Abgase, Bergbau oder Wasserwirtschaft auf dem Gebiet der DDR kartiert wer-den sollten. Ziel dieser "Landschaftsdiagnose" war, die erhobenen Daten für umfangreiche Schutzmaßnahmen zu nutzen. Lingner führte an, dass erheblicher politischer Widerstand das bereits zu 75 Prozent fertiggestellte Vorhaben torpedieren würde und dies sowohl eine Verschwendung des bereits eingesetzten Geldes sei als auch den Zielen des damals aufgelegten Fünfjahresplans zuwider liefe. Lingner konnte erreichen, dass die Arbeiten nach mehrmonatiger Unterbrechung mit Abstrichen abgeschlossen werden konnten. Die Publikation der politisch unliebsamen Erkenntnisse der Lingner-Gruppe wurde jedoch jahrelang verschleppt, das eigentliche Arbeitsmaterial durfte nur für den Dienstgebrauch genutzt werden und kam daher nur einzelnen Renaturierungsplanungen zu Gute.

Der Brief Lingners an Grotewohl gehört zu einer Reihe von Archivalien mit Bezug zu Reformansätzen in der DDR, die im Rahmen eines Erschließungs- und Vermittlungsprojekts von den Wissenschaftlichen Sammlungen des IRS aufbereitet und zugänglich gemacht wurden. Das von der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur finanzierte und im April 2016 gestartete Projekt stellte eine Vielzahl von Quellen zusammen, die das holzschnittartige Bild der DDR als in jeder Hinsicht hierarchisches und zentralistisches System teilweise differenzieren können. Damit knüpfte das Projekt inhaltlich an jüngere Forschungen im Bereich der Planungsgeschichte an, die zeigen, dass die Verhältnisse auch hinsichtlich der politisch so wichtigen Berufsgruppe der Architekten und Planer viel-schichtig waren und teilweise sogar prominente Fachleute in einem bestimmten Rahmen gegen den herrschenden Kurs im Bau- und Planungs-wesen opponierten. Vor allem in Beständen des Instituts für Städtebau und Architektur (ISA) der Bauakademie der DDR, die am IRS archiviert sind, fanden die Projektmitarbeiterinnen und -mitarbeiter Quellen aus allen Phasen der DDR-Zeit, die gängige Perspektiven auf den sozialistischen Staat nicht revidieren, aber punktuell differenzieren und korrigieren.

Das Projekt "Reformansätze im DDR-Bauwesen?" auf dem Onlineportal www.ddr-planungsgeschichte.de

Den Brief von Lingner an Grotewohl finden Sie hier.

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