Gottfried Wilhelm Leibniz, von dem gesagt wird, er sei der vielleicht letzte Universalgelehrte gewesen, ist der Namenspatron der Leibniz-Gemeinschaft. Eine treffende Wahl insofern, als sich in der disziplinären Vielfalt der Leibniz-Gemeinschaft jene Universalität spiegelt, die den Gelehrten ausmachte.
Jurist, Bibliothekar, Universalgelehrter

Am 1. Juli 1646 in Leipzig geboren, studierte er in Leipzig und Jena und erwarb an der Universität  in Altdorf bei Nürnberg den Doktor beider Rechte –  des Kirchen- wie des Zivilrechts. Das Juristische begleitete ihn zeitlebens, auch wenn es heute in der öffentlichen Wahrnehmung hinter seinen Leistungen in anderen Disziplinen zurücktritt. Dabei spielt seine Sammlung und Edition völkerrechtlicher Urkunden eine beachtliche Rolle, auch in seiner Tätigkeit als Politikberater: Mit seinen Gutachten begründet er Rang- und Herrschaftsansprüche der Welfen wie des Wiener Hofs.

1676 nahm Leibniz, nach mehrjährigem Aufenthalt in Paris und Reisen nach London, Amsterdam und Den Haag, eine Stellung als Hofbibliothekar in Hannover an. Die Stadt wird bis zu seinem Tode Zentrum seines Lebens sein, auch wenn er eine für seine Zeit außerordentlich intensive Reisetätigkeit durch Europa entwickelte und eine geradezu internationale, bis Peking reichende Korrespondenz führte. Zu seinen weiteren Ämtern gehörte ab 1691 die Leitung der Herzog-August-Bibliothek in Wolfenbüttel, in der er den ersten alphabetischen Katalog anlegen ließ und für die er einen Erweiterungsbau anregte. 

Leibniz kümmerte sich intensiv um Fragen der Mathematik, legte – parallel zu Isaac Newton — Wegweisendes zur Infinitesimalrechnung vor einschließlich der bis heute gültigen Summenzeichen, entwickelte ein binäres Zahlensystem, die „Dyadik“, das die Darstellung aller Zahlen mit Hilfe der Null und der Eins ermöglicht –  später Grundlage der Computersprache – ,  und ertüftelte eine Rechenmaschine, die er jahrzehntelang zur Perfektion zu bringen versuchte.

Ganz lebenspraktisch drang Leibniz in Hannover auf die Einrichtung einer Brandkasse, gewissermaßen einer Feuerversicherung, und machte den gleichen Vorschlag mit Blick auf das gesamte Reich auch am Hof in Wien — jeweils vergeblich.

Als Pionier der Windkraft gescheitert

Leibniz war Pionier der Windkraft, auch wenn er mit seinen Versuchen, mit Hilfe von Windrädern die Erzgruben im Harz zu entwässern, scheiterte. Seiner Ingenieurtätigkeit sind die Endloskette zur Erzförderung, Pläne für ein Unterseeboot, die Staffelwalze bei der Rechenmaschine und vieles mehr zu verdanken.

Leibniz gehört zu den wenigen großen Philosophen seiner Zeit, die noch heute Anknüpfungspunkte für philosophisches Denken bieten. Seine Überlegungen zur Metaphysik verdichtete er zu einer Monadentheorie, sein Nachdenken über Religion fand Ausdruck in einem seiner relativ wenigen gedruckten Bücher, der Theodicee.  Leibniz prägte auch den viel zitierten — und heftig debattierten — Satz von der „besten aller möglichen Welten“.

Religionspolitisch wie religionswissenschaftlich strebte er eine Vereinigung von Katholizismus und Protestantismus an, ebenso die Zusammenführung von Reformierten und Lutheranern — dabei spielten allerdings auch staatspolitische Opportunitätserwägungen eine beherrschende Rolle. So riet Leibniz einer Tochter des Welfengeschlechts um einer vielversprechenden Heirat willen auch schon mal zum Religionswechsel.

Leibniz erforschte Sprachen und sammelt europaweit Sprachproben, er arbeitete an einer universellen Kunstsprache und er bemühte sich zeitweilig um die Förderung der deutschen Sprache, obwohl er überwiegend in Latein, großenteils in Französisch und nur zu einem geringen Teil in Deutsch schreib.

Korrespondenz bis China

Der Hofrat und Diplomat aus Hannover war vor allem ein unermüdlicher Anreger und Berater. Er suchte den Kontakt zu den Einflussreichen seiner Zeit, zum Kaiser in Wien, zum Zaren, vergeblich auch zum Kaiser von China, natürlich zu den Angehörigen des Welfenhauses, dessen Geschichte zu schreiben zu seiner großen unvollendeten Dienstpflicht und Lebensaufgabe wurde. Auch als Historiker setzte er dabei Maßstäbe in der Erschließung und Auswertung der Quellen.

Dem brandenburgischen Kurfürsten riet Leibniz zur Einrichtung einer Sozietät der Wissenschaften, deren erster Präsident er dann auch im Juli 1700 wurde – Keimzelle der Akademie der Wissenschaften mit dem Wahlspruch „theoria cum praxi“. Diese Initiativen standen in der Kontinuität seiner Anregungen zur Wissenschaftsorganisation. Schon in Paris hatte er für die Einrichtung eines Kuriositätenkabinetts – heute würde man sagen: eines Forschungsmuseums – plädiert, eines „theatrum naturae et artis“. Und Vorschläge zur Finanzierung der Forschung machte Leibniz auch.

Auch wenn Leibniz quasi weltweit korrespondierte – und durch den Austausch mit einem Jesuiten in Peking sogar als Chinaexperte galt –, so schätzte er doch auch den persönlichen Gedankenaustausch — besonders mit Preußens erster Königin Sophie Charlotte und deren Mutter Sophie, Kurfürstin in Hannover. Er war dort oft gerngesehener Gast, sei es in Charlottenburg, sei es in Herrenhausen.

Seine Schattenseiten machen ihn nicht kleiner, nur menschlicher

Leibniz war revolutionär im Denken, Fragen und Forschen, aber war ist kein Revolutionär. Er stellte die feudale Ordnung seiner Zeit nicht in Frage, auch wenn er sich in der Wahrnehmung seiner Dienstpflichten äußert frei fühlte und bei der Durchsetzung seiner Ziele weder Intrige noch Illoyalität scheute. Dass Leibniz auch Schattenseiten hatte, macht ihn nicht kleiner, aber menschlicher.

Und so kann man, angesichts des höfischen Umfelds, in dem sich Leibniz’ Leben abspielte, auch etwas Verständnis dafür haben, dass Leibniz teils als titel- und talersüchtig galt. In den letzten Jahren vor seinem Tod erlangte er noch die  Ernennung zum russischen Geheimen Hofrat durch Peter I. und die Ernennung zum Reichhofrat in Wien. Vergeblich bemühte er sich um eine Nobilitierung, fälschlich führt er zeitweilig ein „von“ im Namen. Regelmäßig kämpfte er — oder lässt Freunde, Gönner und Bekannte kämpfen — um ein regelmäßiges Salär jenseits der 1.000 Taler, die er in Hannover jährlich bezog.

In einer Zeit ohne Tarifverträge und garantierte Pensionsleistungen schien er besorgt um seine Altersversorgung, hinterließ aber, als er am 14. November 1716 in seinem Wohnhaus starb, ein beachtliches Vermögen. Vor allem aber hinterließ der Universalgelehrte seine Manuskripte und Bücher – darunter rund 20.000 Briefe – die einer weisen Eingebung folgend sofort nach seinem Tod an die Königliche Bibliothek übergeben wurden und ungeteilt überliefert sind. Bis heute ist die Edition aller Leibniz-Schriften nicht abgeschlossen.