Angeln 4.0: Technik trifft Natur

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Technische Innovationen wie Echolote, Unterwasserkameras oder Drohnen erleichtern das Angeln, bergen aber auch Risiken für die Fischbestände.

29.04.2021 · Umweltwissenschaften · Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei · News · Forschungsergebnis

Auch beim Naturerlebnis Angeln hat der technische Fortschritt Einzug gehalten. Geräteinnovationen wie Echolote, Unterwasserkameras oder Drohnen erleichtern das Aufspüren und Fangen der Fische. Ein internationales Team mit Professor Robert Arlinghaus vom IGB hat in einer Studie zusammengefasst, wie sich technische Neuerungen auf das Angeln und auf die Fischpopulationen auswirken können. Innovationen erfreuen die Angler*innen, können aber den Fangdruck erhöhen und Konflikte verstärken. Darauf muss die Gewässerbewirtschaftung angemessen reagieren.

Was einst mit Bambusruten und einfachen geflochtenen Rosshaarschnüren praktiziert wurde, ist heute geprägt von präzisionsgefertigten Rollen, ultraempfindlichen Graphit-Verbundstoffruten, chemisch geschärften Haken, Angelschnüren ohne Dehnung zur besseren Bisserkennung, lebensechten Fischimitaten zum Raubfischangeln, Unterwasserkameras, hochmodernen Echoloten, Drohnen und Angel-Apps, die es Angler*innen ermöglichen, ihre Erfahrungen und Erfolge schnell mit anderen zu teilen.

Eins sein mit der Natur – und der Technik

„Moderne Angler*innen und ihre Elektronik funktionieren wie ein vernetztes System, das mit zunehmender Effizienz Fische aufspüren, anlocken und fangen kann. Diese Innovationen sind aus Sicht dieser Nutzer*innen meistens positiv, aber für Fischereibewirtschaftende und andere Entscheidungstragende sind sie eine Herausforderung, wenn sie versuchen, mit dem raschen technologischen Wandel Schritt zu halten", stellt Erstautor und Fischereiprofessor Steven Cooke von der Carleton Universität in Kanada fest.

Steven Cooke und der deutsche Fischereiprofessor Robert Arlinghaus befassen sich seit vielen Jahren mit den ökologischen und sozialen Aspekten der Angelfischerei. Die beiden Forscher haben in einem internationalen Team nun eine umfassende Literaturstudie zur Vergangenheit und Zukunft von Geräteinnovationen in der Angelfischerei erstellt. In die Studie sind auch umfangreihe Praxiserfahrungen eingeflossen, da zu vielen Aspekten noch keine wissenschaftlichen Erkenntnisse vorliegen.

Neue Methoden bieten Chancen und bergen Risiken

„Innovationen in der Fischereitechnologie können den Fischen zugutekommen – sie helfen beispielsweise Verletzungen, Stress und die Sterblichkeit zurückgesetzter untermaßiger Fische zu reduzieren oder sorgen dafür, dass nur bestimmte Arten oder Größen am Haken landen und dieser nicht mehr tief verschluckt wird“, erläutert Robert Arlinghaus. „Technische Neuerungen können aber auch die gesamte Funktionsweise der Angelfischerei verändern, Konflikte zwischen Anglergruppen und anderen Gewässernutzenden schüren, die Ungleichheit in den Fängen der Angler*innen steigern und gegen bewährte moralische Prinzipien verstoßen. Das Ganze hat also zwei Seiten“, ergänzt der Fischereiexperte.

Technische Innovationen können ein Risiko für die Fischbestände sein

Das Beispiel von modernen Echoloten zeigt, dass technische Innovationen, die den Angler*innen Nutzen bringen, für die Fischbestände auch problematisch sein können. Steven Cooke: „Moderne Echolote dienen als verlängerter Arm des Anglers. Damit können einzelne Fische im Freiwasser exakt lokalisiert und einzelne Großfische gezielt angesprochen werden. Je nach Verbreitung unter den Anglern kann so der Fangdruck gerade auf die seltenen größeren Raubfische steigen.“ Hinzu kommt, dass Dank einer ausgereiften GPS- und Bootstechnologie gute Fangplätze rasch wiedergefunden oder anderen Angler*innen mitgeteilt werden können. Im Extremfall kommt es lokal zur Überfischung.

Fischereirechte in Binnengewässern liegen hierzulande häufig in den Händen von Angelvereinen. Bei auftretenden Konflikten oder aus Angst vor Übernutzung regeln die Vereinsvorstände die Anwendung neuer Techniken in der Regel selbst über die jeweilige Gewässerordnung – meist rein aus dem Bauch heraus ohne wissenschaftliche Begleitforschung. Oft fehlt es an Daten, aus denen man objektiv ableiten kann, wie neue Methoden funktionieren. Die Forscher schlagen vor, die Auswirkungen der modernen Technologien systematisch zu untersuchen. „Auf diese Weise wäre sichergestellt, dass Managementmaßnahmen in Bezug auf neue Technologien in der Freizeitfischerei proaktiv statt reaktiv sind“, resümiert Robert Arlinghaus.

Publikation

Cooke, S.J., Venturelli, P., Twardek, W.M. et al. Technological innovations in the recreational fishing sector: implications for fisheries management and policy. Rev Fish Biol Fisheries 31, 253–288 (2021). https://doi.org/10.1007/s11160-021-09643-1 

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