Haben Vegetarier dickere Bäuche?

Eine Studie an fossilen und heutigen Landwirbeltieren zeigt: Pflanzenfressende Säugetiere haben größere Bauchhöhlen als ihre fleischfressenden Verwandten. Aber es gibt Ausnahmen.

07.11.2016 · Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung · News · Biodiversität

Ein europäisches Wissenschaftlerteam, darunter der Senckenberg-Wissenschaftler Dr. Bernd Herkner, hat die Volumina der Rumpfhöhlen von fossilen und heutigen Landwirbeltieren untersucht. Die Forschenden zeigen in ihrer heute im „Journal of Anatomy“ veröffentlichten Studie, dass pflanzenfressende Säugetiere in der Regel größere Bauchhöhlen haben als deren fleischfressende Verwandte. Dieses Muster gilt aber nicht für alle an Land lebenden Wirbeltiere – Abweichungen gibt es vor allem bei den Dinosauriern.

Landwirbeltiere sind eine vielfältige Tiergruppe, die sehr unterschiedliche Körpergrößen und -formen aufweisen können und in den verschiedensten Lebensräumen vorkommen. Die Bandbreite reicht von riesigen Dinosauriern bis zu winzig kleinen Nagetieren.

Im Laufe ihrer Evolution haben die Landwirbeltiere unterschiedliche Ernährungsweisen entwickelt: Es gibt Tiere, die sich ausschließlich von Pflanzen ernähren, Allesfresser und reine Fleischfresser. „Diese Vielfalt spiegelt sich vermeintlich auch in der Körpergestalt der Landwirbeltiere wider“, erklärt Dr. Bernd Herkner, Leiter der Abteilung Museum am Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseum Frankfurt und fährt fort: „Weil pflanzliche Nahrung überwiegend schwerer zu verdauen ist als tierische, liegt es nahe, dass der Verdauungstrakt von Pflanzenfressern umfangreicher ist und einen größeren Raum innerhalb des Rumpfes in Anspruch nimmt. Diese Vermutung wurde aber bisher nicht quantitativ überprüft.“

Ein internationales Wissenschaftlerteam unter der Federführung von Prof. Dr. Marcus Clauss von der Universität Zürich hat daher mit Hilfe einer fotografischen Messmethode, der Photogrammetrie, 3-D Daten von über 120 Individuen erfasst und im Computer visualisiert. Darunter waren Skelette von Dinosauriern, Reptilien, Vögeln, Säugetieren und fossilen säugetierähnlichen Reptilien – auch aus dem Senckenberg Naturmuseum in Frankfurt. Auf diese Weise konnten die Wissenschaftler die Rumpfgeometrie darstellen und das Rumpfvolumen bestimmen. Die Ergebnisse zeigen, dass das Rumpfvolumen von pflanzenfressenden Säugetieren im Durchschnitt doppelt so groß ist wie das gleichgroßer Fleischfresser.

„Für uns überraschend war, dass sich dieses Muster nicht bei den anderen untersuchten Landwirbeltiergruppen widerspiegelt – am wenigsten unter den Dinosauriern“, ergänzt Herkner. Das Wissenschaftlerteam vermutet, dass der unterschiedliche Grad der Ausdehnung anderer Organsysteme, etwa der Lunge, eine Rolle hinsichtlich der Größe des Rumpfvolumens spielen könnte. In zukünftigen Untersuchungen sollen weitere mögliche Einflüsse auf die Rumpfhöhlengrößen von Landwirbeltieren erforscht werden.

„Es ist immer wieder toll, wenn unsere Exponate nicht nur unsere Museumsbesucher begeistern, sondern auch zur Klärung wissenschaftlicher Fragestellungen beitragen können“, freut sich Herkner.

Publikation

Clauss M, Nurutdinova I, Meloro C, Gunga H-C, Jiang D, Koller J, Herkner B, Sander PM, Hellwich O. «Reconstruction of body cavity volume in terrestrial tetrapods». November 4, 2016, Journal of Anatomy. doi: 10.1111/joa.12557

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