Kolonialgeschichte des Norddeutschen Lloyds

Foto KARL NAUER/SÜDSEE-SAMMLUNG OBERGÜNZBURG

Der Norddeutsche Lloyd war eine der größten Reedereien des Deutschen Kaiserreichs. Welche Rolle er bei der Beschaffung von Museumsobjekten gespielt hat, untersucht ein neues Projekt.

03.03.2021 · Geisteswissenschaften und Bildungsforschung · Deutsches Schifffahrtsmuseum - Leibniz-Institut für Maritime Geschichte · News · Projekte

Als eine der größten Reedereien des Deutschen Kaiserreichs spielt der Norddeutsche Lloyd (NDL) eine wichtige Rolle im Ausstellungs- und Forschungsprogramm des Deutschen Schifffahrtsmuseums / Leibniz-Institut für Maritime Geschichte (DSM). Das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste fördert nun ein Forschungsprojekt zur Geschichte des NDL als Big Player im Kolonialismus, das im April startet. Hierbei arbeitet das DSM mit dem Übersee-Museum Bremen und der Südsee-Sammlung Obergünzburg zusammen.

Ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts haben europäische Militärs, Wissenschaftler und Kaufleute diverse Kultur- und Alltagsobjekte aus den damaligen Kolonien in ihre Heimatländer verbracht. Wie sie in welche Institutionen gelangten, ob sie gekauft, getauscht oder geraubt wurden, wird inzwischen weltweit kritisch hinterfragt. Am Beispiel von Pazifiksammlungen, die im Zusammenhang mit dem NDL stehen, geht das DSM gemeinsam mit seinen Kooperationspartnern diesen Fragen nach.

Der NDL avancierte während der Hochzeit des Imperialismus zu einer der größten Reedereien der Welt und beförderte Güter aus verschiedensten Ländern in europäische Häfen. Viele Objekte in den Beständen des DSM stammen aus der Zeit des Kaiserreichs. Ihre kolonialen Zusammenhänge sind bislang ungeklärt. Das Forschungsprojekt schafft eine neue Perspektive und fragt nach der Rolle der Reedereien, die diese während des Kaiserreichs bei der Entstehung von Museumssammlungen einnahmen.

Damals entstanden in Europa naturkundliche und ethnologische Sammlungen an Museen, aber auch an Universitäten, die hierfür auf den Import von außereuropäischen Objekten per Schiff angewiesen waren. Ein Ziel des Projektes ist es, zu rekonstruieren, auf welchen Wegen diese Objekte nach Europa kamen: „Zur Erforschung dieser diffizilen Umstände braucht es sowohl Detektiv-Kenntnisse als auch Kenntnisse der maritimen Geschichte, über beides verfügen unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter am DSM“, betont die wissenschaftliche Leiterin für den Programmbereich Schifffahrt und Gesellschaft, Prof. Dr. Ruth Schilling.

Über die Nachverfolgung von Schiffsrouten können logistische Zusammenhänge von Objekten mit der Geschichte der Akteure gemeinsam betrachtet werden. Komplementär dazu verfügt die Südsee-Sammlung Obergünzburg beispielsweise über den Nachlass des Kapitäns Karl Nauer, der in den Diensten des NDL in der Kolonie Deutsch-Neuguinea tätig war. Auch das Übersee-Museum in Bremen erwarb und verschiffte zahlreiche Objekte aus der Südsee in enger Zusammenarbeit mit dem NDL. Archivalien wie Postkarten, Fotografien und Literatur dokumentieren diese Prozesse.

Zu untersuchen bleibt auch, welche Rolle der Schiffsverkehr als solcher bei der Auswahl der exportierten Objekte spielte – und inwieweit er die Herstellung mancher Objekte überhaupt erst begründete. Hier sei es hilfreich, sowohl die Objekte als auch die Transportbedingungen in den Blick zu nehmen: „Wie groß ist ein Objekt, passt es auf ein Schiff, wie kann es verpackt oder beschriftet werden? Wir wollen unseren Bestand daraufhin abklopfen, welche Informationen wir daraus ziehen können, welche Auswirkungen die Infrastruktur der Zeit hatte und welche politischen Entwicklungen damit einhergingen“, so Schilling weiter.

Das Projekt verfolgt sowohl das Ziel, am Beispiel der Schifffahrt Kolonialgeschichte aufzuarbeiten als auch genauere Informationen zu den jeweiligen Sammlungsobjekten zu gewinnen. Zum einen soll der Handel von Objekten in den Blick genommen werden, zum anderen die Perspektive der Herkunftsgesellschaften deutlicher abgebildet werden. „Eine adäquate Aufarbeitung kolonialer Zusammenhänge ist nicht ohne die Mithilfe von Mitgliedern davon betroffener Gesellschaften denkbar“, sagt Tobias Goebel, der als wissenschaftlicher Projektmitarbeiter am DSM als Ansprechpartner fungiert. „Wir möchten das Projekt gemeinsam erarbeiten, diskutieren und die Ergebnisse international zur Verfügung stellen.“ Eine zentrale Stelle innerhalb des Projektes wird deshalb mit einer International Fellow, der Künstlerin und Kuratorin Lisa Hilli, besetzt.

„Meine Hauptinteressen innerhalb dieses Projekts sind die Fotografie- und Plantagengeschichte innerhalb Deutsch-Neuguineas“, sagt Hilli. In Zusammenarbeit mit dem DSM und anderen institutionellen Mitarbeitern hoffe ich auch, mein Verständnis für die Bewegung von asiatischen und pazifischen Körpern nach und von Rabaul über deutsche Schiffe zu erweitern. Es ist wichtig, die deutsche Kolonialgeschichte transparent und zugänglich zu machen, für alle Gemeinschaften weltweit, die mit Deutsch-Neuguinea zu tun haben, insbesondere für meine eigene Gunantuna (Tolai) Gemeinschaft. Die Teilnahme an diesem auf Sammlungen basierenden Forschungsprojekt wird meine laufenden kreativen Forschungsinteressen in Bezug auf Arbeits- und Handelsbeziehungen als Orte der Transformation während der Kolonialzeit erheblich erweitern.“
Unter Berücksichtigung dieser Aspekte geraten auch Fragen von Bild- und Objektwirkung in den Fokus der Untersuchungen. Denn mit dem Transfer von Objekten veränderte sich deren kulturelle Funktion. Sie wurden aus ihrem ursprünglichen Nutzungszusammenhängen entnommen und repräsentierten in der objektaufnehmenden Gesellschaft fremde Kulturen.

Heute ist die Geschichte von kolonialzeitlichen Objekten ein gesellschaftliches und politisches umstrittenes Thema, zu dem das DSM mit dem Forschungsprojekt seinen Beitrag liefern wird und auch unter maritimen Museen eine Debatte um kolonialzeitliches Sammlungsgut anstoßen möchte.

Weitere Informationen und Kontakt

www.dsm.museum