Nashorn-Rettung mit Viren

Bakteriophagen haben ein krankes Panzernashorn vor dem Einschläfern bewahrt. Die Therapie gilt als mögliche Alternative zu Antibiotika, die zunehmend wirkungslos werden.

08.11.2016 · Leibniz-Institut DSMZ-Deutsche Sammlung von Mikroorganismen und Zellkulturen GmbH · News

Die Behandlung mit Bakteriophagen hat ein Panzernashorn im Tiergarten Nürnberg davor bewahrt, eingeschläfert zu werden. Der 28-jährige Nashornbulle Ropen hatte sich eine schwere Entzündung am Fuß zugezogen, die sich immer weiter ausbreitete. Es wurden tägliche Behandlungen durchgeführt, um die Entzündung zu stoppen. Dadurch verbesserte sich zwar die Situation, doch zu einer vollständigen Heilung kam es nicht. Ein Kontakt zu Dr. Christine Rohde vom Leibniz-Institut DSMZ brachte die Wende.

„Das war wirklich die Rettung“, freut sich Tiergarten-Tierärztin Dr. Katrin Baumgartner. „Der Verlauf der Krankheit war so heftig, dass wir schon fürchteten, Ropen einschläfern zu müssen. Eine Kollegin hatte einen Zeitungsartikel über die Bakteriophagen-Forschung der DSMZ gefunden und gelesen, dass sich damit auch antibiotikaresistente Keime behandeln lassen“, so Baumgartner weiter. Auf der in Vergessenheit geratenen Phagentherapie lagen daher große Hoffnungen.

Dr. Christine Rohde vom Leibniz-Institut DSMZ-Deutsche Sammlung von Mikroorganismen und Zellkulturen ist eine der führenden Bakteriophagen-Expertinnen Deutschlands und erforscht mit ihrer Arbeitsgruppe deren Einsatz gegen multiresistente Erreger. Sie weiß, dass die Phagentherapie als eine mögliche Alternative im Kampf gegen Bakterien gilt, bei denen Antibiotika scheitern. Allerdings ist die Phagentherapie in Deutschland bislang nicht zugelassen. Anfang des 20. Jahrhunderts war sie zwar eine durchaus verbreitete Behandlungsmethode. Doch mit dem Aufkommen von Antibiotika verlor man im Westen weitgehend das Interesse an Bakteriophagen.

Anders in Osteuropa wo Antibiotika die Phagentherapie nicht komplett ersetzt haben. „In Georgien beispielsweise ist sie ist immer angewendet worden. Dort verfügt man über jahrzehntelange Erfahrung und bekommt Phagen in der Apotheke“, erläutert Rohde. Auf einer Forschungsreise hatte sie sich in Tiflis privat ein verbreitetes Standard Phagen-Medikament gekauft. Diesen Phagencocktail stellte sie nun dem Tiergarten Nürnberg für die Behandlung von Ropen zur Verfügung. „Die Chancen waren nicht sehr groß“, erinnert sich Rohde. „Ich hatte ja nur dieses Standardpräparat."

Der Erfolg war jedoch durchschlagend. Bereits nach der ersten Anwendung zeigte sich eine Verbesserung. Zwar waren noch eine zweite und dritte Behandlungsrunde nötig und zwischenzeitlich musste über die DSMZ Phagen-Nachschub aus Georgien bestellt werden, doch die Wissenschaftlerin zeigt sich begeistert: „Unseres Wissens nach ist das die erste Phagenbehandlung eines Wildtiers überhaupt. Und dass der Cocktail so gut anschlägt, übertrifft meine Erwartungen.“

Panzernashorn Ropen geht es heute gut, die Wunde ist komplett geschlossen und er kann wieder laufen. Die Behandlung wird zwar sicherheitshalber fortgesetzt. Doch Tierärztin Baumgartner ist sich sicher, dass er fit für seine nächste große Aufgabe ist: Wenn alles gut läuft, wird Ropen nächstes Jahr Vater.

Hintergrund

Bakteriophagen oder kurz einfach Phagen sind Viren, die auf Bakterien als Wirtszellen spezialisiert sind. Sie befallen ausschließlich Bakterienzellen und nutzen sie für ihre eigene Vermehrung. Die Bakterien gehen dabei zugrunde. Ein Vorteil ist ihre spezifische Wirksamkeit. Im Unterschied zu Antibiotika greifen Phagen nur jeweils Keime einer Bakterienart an. Andere, nützliche Bakterien, etwa im Darm, bleiben erhalten. Das Leibniz-Institut DSMZ in Braunschweig ist eines der führenden Bakteriophagen-Forschungsinstitute und Heimat der vielfältigsten Phagen-Sammlung Deutschlands.

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