Spätfolgen der Treuhand

Foto VICTOR RUBOW

Der preisgekrönte US-Ökonom Ufuk Akcigit startet sein Forschungsprojekt zur ostdeutschen Wirtschaft am Leibniz-IWH.

19.09.2019 · Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, Raumwissenschaften · Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle · HP-Topnews · Menschen · Projekte

Es ist eine der wichtigsten Auszeichnungen des deutschen Wissenschaftsbetriebs: Der mit 1,5 Millionen Euro dotierte Max-Planck-Humboldt-Forschungspreis geht in diesem Jahr an den Volkswirt Ufuk Akcigit von der Universität Chicago. Am Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) will Akcigit mit innovativen Methoden untersuchen, warum die Wirtschaft in Ostdeutschland bis heute hinter der westdeutschen zurückbleibt – und welche Rolle die Treuhandanstalt dabei spielt.

Das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) ist Gastgeber für den Träger des Max-Planck-Humboldt-Forschungspreises 2019. Die Auszeichnung erhält der Ökonom Ufuk Akcigit von der Universität Chicago für seine exzellenten wissenschaftlichen Leistungen sowie sein herausragendes Zukunftspotenzial. Unter Akcigits Leitung wird eine neue Forschungsgruppe am IWH mit komplexen Methoden untersuchen, weshalb 30 Jahre nach dem Mauerfall die wirtschaftliche Kluft zwischen Ost- und Westdeutschland fortbesteht. Der vom Bundesministe­rium für Bildung und Forschung gestiftete Preis ist mit 1,5 Millionen Euro dotiert und zählt zu den bedeutendsten Auszeichnungen im deutschen Wissenschafts­betrieb. Er wird jedes Jahr gemeinsam von der Max-Planck-Gesellschaft und der Alexander von Humboldt-Stiftung an eine Forscherpersönlichkeit aus dem Ausland verliehen, die damit für eine bestimmte Zeit in Deutschland arbeitet. Die Preis­verleihung findet am 5. November 2019 in Berlin statt.

Am IWH kann Ufuk Akcigit auf einen einzigartigen Datenbestand sowie jahrzehnte­lange Expertise in der Transformationsforschung zurückgreifen. Er plant drei Forschungsprojekte, wobei das erste das umfangreichste und brisanteste ist. Es geht der Frage nach, welche historischen Gründe der heutige Rückstand der ostdeutschen Wirtschaft gegenüber der westdeutschen hat. Anhand neuer, umfang­reicher Daten von Firmen und deren Führungskräften soll die Privatisierung der DDR-Betriebe durch die Treuhandanstalt untersucht werden. Inwiefern spielte die Qualifizierung der ausgewählten Managerinnen und Manager, inwiefern deren Netzwerk zu ande­ren Entscheidern eine Rolle? In Form eines Benchmark-Modells will Akcigit her­ausfinden, wie die ostdeutschen Betriebe heute wirtschaftlich daständen, wenn sie ausschließlich von talentierten Unternehmerpersönlichkeiten übernommen worden wären. Dabei greift er zurück auf einen von ihm entwickel­ten Forschungsansatz, der Theorie, Empirie und Computersimulationen auf inno­vative Art miteinander verzahnt. Akcigit nutzt Daten auf Mikroebene (Unter­nehmen, Einzelpersonen, Patente, Ideen), um zentrale makroökonomische Fragen mit Hilfe einer Modell­schätzung zu beantworten. So gelingt ihm eine Übersetzung mikroökonomischer Entscheidungen von Einzelpersonen in makroökonomische Ergebnisse. Dies gilt als eine der schwierigsten Aufgaben in der Wirtschaftswissen­schaft überhaupt.

Das zweite Forschungsprojekt analysiert einerseits, warum besonders innovative Firmen seltener in Ost- als in Westdeutschland entstehen. Andererseits wird die Rolle von Migrantinnen und Migranten für das Wirtschaftswachstum und die Wissens­generierung in Deutschland untersucht. Das dritte Forschungsprojekt schließlich sucht nach Gründen für die schwindende wirtschaftliche Dynamik in Europa, verbunden mit anschließenden Handlungsempfehlungen für die Politik in mehreren Staaten.

Zum Preisträger: Mit seiner Arbeit am IWH wird Ufuk Akcigit an seine bisherige, international viel beachtete Forschung anknüpfen. Der heute 39-Jährige hat bereits ein beeindruckendes Dutzend Studien in den fünf weltweit führenden Zeitschriften seines Fachs veröffentlicht, die unter anderem in internationalen Organisationen diskutiert werden. Mehrere Forschungspreise und Zitierungen in globalen Leit­medien belegen sein Ansehen. Akcigit, geboren 1980 in Braunschweig, studierte Wirtschaftswissenschaft an der Koç Universität in Istanbul und erwarb 2009 den Doktorgrad Ph.D. am Massachusetts Institute of Technology (MIT). Nach zwei Juniorprofessuren ist er seit Juli dieses Jahres Professor für Wirtschaftswissen­schaften an der Universität Chicago, die international zu den besten Hochschulen des Fachs zählt.

„Für das IWH ist es ein einzigartiger Gewinn, dass Ufuk Akcigit uns als Partner aus­gewählt hat“, sagt Institutspräsident Reint Gropp. „Ich gratuliere ihm ganz herz­lich zum Max-Planck-Humboldt-Forschungspreis und freue mich sehr auf die Zusammenarbeit. Insbesondere deshalb, weil seine und unsere Forschungsagenda ideal zusammenpassen. Genau wie er forschen wir zu Transformation, Produktivität, Wachstum und Innovation. Vor dem Hintergrund der jüngsten politischen Entwicklungen in Ostdeutschland ist es umso entscheidender zu begreifen, warum dort die Produktivität und damit die Einkommen so hartnäckig hinter der Entwick­lung im Westen zurückbleiben. Wenn wir den Zusammenhang besser verstehen, können wir die Zukunft besser gestalten“, sagt Gropp. Abschließend stellt er fest: „Dass wir in unserem Haus gemeinsam mit einem derart renommierten Preis­träger forschen, zeigt erneut den Rang des IWH in der deutschen Forschungsland­schaft und die internationale Strahlkraft dieses Instituts.“

Auch Matthias Kleiner, Präsident der Leibniz-Gemeinschaft, begrüßt die Ent­scheidung: „Ich freue mich sehr, dass Ufuk Akcigit das Leibniz-Institut für Wirt­schaftsforschung Halle als Gastinstitution ausgewählt hat, um seinen Forschungs­aufenthalt über diesen äußerst renommierten Wissenschaftspreis zu realisieren, und gratuliere ihm im Namen der gesamten Leibniz-Gemeinschaft sehr herzlich. Das IWH ist eine ausgezeichnete Wahl, hat doch die jüngste Evaluierung dessen hervorragende wissenschaftliche Qualität belegt. Die wirtschaftlichen Unter­schiede zwischen Ost- und Westdeutschland zu verstehen, ist drei Jahrzehnte nach dem Mauerfall noch immer von hoher Relevanz. Deshalb liegt es nahe, dass das IWH am Standort Halle dazu forscht und gemäß dem Auftrag als Leibniz-Institut die Erkenntnisse in evidenzbasierte Politikberatung umsetzt – zum Wohl der Ge­sellschaft. Genau hier verspreche ich mir kreative Impulse durch die Arbeit von Ufuk Akcigit am und mit dem IWH.“

Weitere Informationen und Kontakt

www.iwh-halle.de