Stabile Solidaritätsbereitschaft

Fast die Hälfte der Deutschen findet Hilfe für EU-Krisenländer richtig, zeigt eine Studie. Im Gegenzug erwarten sie Reformen. Kürzungen von Sozialausgaben werden dagegen abgelehnt.

30.09.2016 · DIW Berlin - Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung · News

Entgegen dem oft propagierten Bild unterstützen viele Bürgerinnen und Bürger die deutschen Hilfen für finanziell in Not geratene EU-Länder. Im zweiten Halbjahr 2015 hielten es 48 Prozent der Erwachsenen für richtig, dass Deutschland anderen EU-Mitgliedsländern finanziell hilft. Rund 30 Prozent lehnten dies ab und etwa 20 Prozent waren indifferent. Das zeigt eine gemeinsame Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) und der Universität Leipzig auf Basis des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP). Im Vergleich mit früheren Befragungen des Eurobarometer seit 2010 hat die Unterstützung der Bevölkerung nicht nachgelassen. „Obwohl sich die Krise in einigen südeuropäischen Ländern in dieser Zeit deutlich verschärft hat und bestimmte Jahre, etwa während der Griechenlandkrise, von negativen Schlagzeilen geprägt waren, ist die Bereitschaft zur Solidarität weiterhin hoch“, fassen die Autoren Holger Lengfeld, Professor für Soziologie der Universität Leipzig, und Martin Kroh, stellvertretender SOEP-Leiter, das Ergebnis der Studie zusammen.

Geringere Hilfsbereitschaft gegenüber nicht-EU-Ländern

Die Befragten unterscheiden allerdings deutlich zwischen Hilfeempfängern innerhalb und außerhalb der EU: Etwa 55 Prozent würden Hilfeleistungen an europäische Krisenländer außerhalb der EU ablehnen, ergab die Befragung von 2015. „Das Solidaritätsempfinden mit der EU ist in Deutschland offenbar weiterhin verankert“, so die Autoren, „ein großer Teil der Menschen in Deutschland steht zur europäischen Integration als solidarisches Projekt“. Ein gutes Drittel der Befragten hat sich im Jahr 2015 sogar bereit erklärt, eine hypothetische europäische Zusatzsteuer von 0,5 Prozent auf ihr Einkommen zugunsten der in Not geratenen EU-Partnerländer zu entrichten.

Im Gegenzug zu Hilfen erwarten die Deutschen Sparmaßnahmen und Reformen in den Krisenländern. Allerdings zeigt die Studie, dass Kürzungen bei den Sozialausgaben nicht nur in betroffenen Ländern, wie etwa Griechenland, sondern auch in Deutschland kritisch gesehen werden. Zwar stimmen zwei Drittel der Befragten in Deutschland einer Kürzung der Gehälter von Staatsbediensteten in den Krisenländern und 57 Prozent einem Verkauf von Staatseigentum zu. Aber lediglich 18 Prozent heißen eine Kürzung der Renten gut, und nur ein Viertel hält eine allgemeine Kürzung der Sozialleistungen für ratsam. „Die Mehrzahl der Befragten zeigt Einfühlungsvermögen und favorisiert eine verantwortungsvolle Haltung im Umgang mit den Bevölkerungen der Krisenländer“, so Lengfeld und Kroh.

Kontakt

Renate Bogdanovic
Sabine Fiedler
Sebastian Kollmann
Mathilde Richter
Pressestelle
Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin)
Tel.:  +49-30-897 89-249, -252, -250 oder -152
presse(at)diw.de

www.diw.de