Unterschätzte Bedrohung?

Foto MARK A. GARLICK

Eine Studie liefert Beweise für einen katastrophal verlaufenen Meteoriteneinschlag vor 430.000 Jahren – und zeigt, wie wichtig es ist, die Bedrohung durch mittelgroße Asteroiden neu zu bewerten.

08.04.2021 · Lebenswissenschaften · Museum für Naturkunde - Leibniz-Institut für Evolutions- und Biodiversitätsforschung · News · Forschungsergebnis

Ein internationales Team von Forschenden unter der Leitung von Dr. Matthias van Ginneken von der School of Physical Sciences der University of Kent und unter Beteiligung des Museums für Naturkunde Berlin hat neue Beweise für einen Meteoriteneinschlag in der Zeitschrift Science Advance publiziert. Der Einschlag erfolgte vor 430.000 Jahren im Bereich des antarktischen Eisschildes. Das außerirdische Material wurde in den Forschungslaboren des Museums für Naturkunde Berlin mittels Elektronenstrahlmikrosonde untersucht und diente als Datenbasis für die internationale Forschungsarbeit.

Während der Belgian Antarctic Meteorites Expedition (BELAM) 2017-2018, stationiert an der belgischen Princess Elisabeth Antarktisstation und finanziert von der belgischen Wissenschaftspolitik (Belspo), wurden außerirdische Partikel gefunden. Diese sogenannten Kondensationskugeln, die auf dem Gipfel des Walnumfjellet im Sør Rondane-Gebirge, Queen Maud Land, Ostantarktis, geborgen wurden, deuten auf ein ungewöhnliches Ereignis hin: Ein mindestens 100 Meter Durchmesser großer Asteroid trat in die Erdatmosphäre ein, wobei im Zuge einer gigantischen Explosion ein Strahl aus geschmolzenem und verdampftem meteoritischem Material mit hoher Geschwindigkeit die Oberfläche erreichte. Diese Art von Explosion eines einzelnen Asteroiden wird als intermediär bezeichnet, da sie größer als eine übliche atmosphärische Explosion (sogenannter Airbursts), aber kleiner als ein Impaktkrater-Ereignis ist.

„Die chemische Zusammensetzung der Spurenelemente und der hohe Nickelgehalt zeigen die außerirdische Natur der geborgenen Partikel“, erklärt Lutz Hecht, Professor für Impaktpetrologie und Leiter der mikroanalytischen Labore am Museum für Naturkunde Berlin, dessen Team die Proben untersuchte. Ihre einzigartigen Sauerstoff-Isotopensignaturen weisen darauf hin, dass sie während ihrer Entstehung in der Einschlagswolke mit Sauerstoff aus dem antarktischen Eisschild in Wechselwirkung traten. Die Forschungsergebnisse deuten auf einen Einschlag hin, der viel katastrophaler war als die Tunguska- und Tscheljabinsk-Ereignisse über Russland in den Jahren 1908 und 2013.

Die Studie unterstreicht wie wichtig es ist, die Bedrohung der Erde durch mittelgroße Asteroiden neu zu bewerten.  Ein solches Ereignis auf der heutigen, stark besiedelten Erde würde eine große zerstörerische Wirkung hervorrufen mit Millionen von Opfern und schweren Schäden über Entfernungen von bis zu Hunderten von Kilometern.

"Um die Aufzeichnung der historischen Asteroideneinschläge auf der Erde zu vervollständigen empfehlen wir, dass sich zukünftige Studien auf die Identifizierung ähnlicher Ereignisse konzentrieren sollten, wie z.B. auf felsigen oder flachen ozeanischen Untergründen, da der antarktische Eisschild nur 9% der Landoberfläche der Erde bedeckt, so Studienleiter van Ginneken. „Unsere Forschung könnte sich auch als nützlich erweisen für die Identifizierung dieser Ereignisse in Sedimentkernen der Tiefsee.“

Publikation

M. van Ginneken; S. Goderis, F. Van Maldeghem, P. Claeys, B. Soens; N. Artemieva; V. Debaille; S. Decrée; R. P. Harvey, K. Huwig; L. Hecht; F. E. D. Kaufmann; S. Yang, M. Humayun; M. J. Genge (2021): A large meteoritic event over Antarctica ca. 430 ka ago inferred from chondritic spherules from the Sør Rondane Mountains. In: Science Advances

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