Verlorene Art wiederentdeckt

Foto SOUTHERN INSTITUTE OF ECOLOGY/GLOBAL WILDLIFE CONSERVATION/LEIBNIZ INSTITUTE FOR ZOO AND WILDLIFE RESEARCH/NCNP

Im südlichen Vietnam wurde erstmals seit 1990 wieder das Vietnam-Kantschil, auch als vietnamesischer Maushirsch bekannt, gesichtet.

18.11.2019 · Lebenswissenschaften · Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung · HP-Topnews · Forschungsergebnis

In Zeiten massiver Verluste an biologischer Vielfalt sind Nachrichten vom Aussterben von Tier- und Pflanzenarten die Regel. Doch jetzt können Global Wildlife Conservation (GWC), Southern Institute of Ecology in Vietnam und das Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (Leibniz-IZW) die Wiederentdeckung einer seit 1990 nicht mehr dokumentierten Tierart vermelden. Das Vietnam-Kantschil – eine rehähnliche, katzengroße Art, die auch als vietnamesischer Maushirsch bekannt ist – wurde von Wildtierkameras im südlichen Teil Vietnams fotografiert und gefilmt.

Dies sind die ersten Aufnahmen lebender Exemplare dieser Huftiere. Sie ist damit die erste wiederentdeckte Art der „Liste der 25 meistgesuchten verlorenen Spezies“ der GWC. Die Wiederentdeckung wurde jetzt in der Fachzeitschrift „Nature Ecology & Evolution“ publiziert und ist Ansporn zur Entwicklung von Schutzmaßnahmen dieser und weiterer einheimischer (endemischer) Arten im Biodiversitäts-Hotspot Südostasien.

Das Forscherteam hatte drei Wildtierkameras für einen Zeitraum von fünf Monaten in der Annamiten-Bergregion im Süden Vietnams installiert, in der Bewohner Sichtungen der Tiere gemeldet hatten. Diese nahmen im Jahr 2018 insgesamt 275 Fotos der Art auf. Das Team richtete dann weitere 29 Kameras in derselben Gegend ein und gelang so im Verlauf weiterer fünf Monate zu unglaublichen 1.881 Fotos des Vietnam-Kantschils. „Trotz der Hinweise aus der Bevölkerung konnten wir nicht sicher sein, was uns erwartet. Ich war also überrascht und überglücklich, als wir die Bilder der Kamerafallen auswerteten und Fotos von einem Kantschil mit silbernen Flanken sahen“, sagt An Nguyen, Associate Conservation Scientist bei der GWC und Leiter dieses Forschungsvorhabens. An Nguyen ist außerdem Feldkoordinator für und Doktorand am Leibniz-IZW. „Für eine sehr lange Zeit existierte diese Art nur noch in unserer Vorstellung. Diese Entdeckung, die bestätigt, dass diese Huftiere tatsächlich noch in der Wildnis leben, ist der erste Schritt um sicherzustellen, dass wir sie nicht wieder verlieren. Wir müssen jetzt schnell handeln, um ein baldiges Aussterben nach der Wiederentdeckung zu verhindern.“

Der Vietnam-Kantschil wurde 1910 auf der Basis von vier Individuen aus Südvietnam beschrieben. Eine russische Expedition im Jahr 1990 nach Zentralvietnam konnte ein fünftes Tier dieser Art aufspüren. Seitdem gab es keine bestätigten Sichtungen. Die Wissenschaft weiß daher nahezu nichts über die Biologie und Ökologie oder den Bedrohungsstatus dieser Art. Die GWC setzte daher das Vietnam-Kantschil auf ihre Liste der 25 meistgesuchten verlorenen Arten. Für die GWC genießt die Art eine hohe Priorität für den Säugetierschutz in Vietnam, ein Arbeitsschwerpunkt der Naturschutzorganisation.

Es gibt zehn bekannte Arten von Kantschilen, oder „Maushirschen“, auf der Welt, die mehrheitlich in Asien beheimatet sind. Trotz ihres umgangssprachlichen Namens sind Kantschile weder mit Mäusen noch mit Hirschen verwandt, sondern stellen die Gruppe der kleinsten Huftiere der Welt dar. Sie sind Einzelgänger, laufen auf der Spitze ihrer Hufe und haben zwei winzige Reißzähne. Ein Kantschil wiegt typischerweise weniger als fünf Kilogramm.

Ein Forscherteam will nun bestimmen, wie groß und stabil die Population von Vietnam-Kantschilen in Südvietnam ist, um die genaue Verbreitung der Art und mögliche Ursachen ihrer Bedrohung besser zu verstehen. Im Rahmen der ersten umfassenden Untersuchung der Art beginnt das Team in Kürze mit Kamera-Fallenuntersuchungen in zwei weiteren Regionen. Die WissenschaftlerInnen werden alle gesammelten Informationen nutzen, um einen Erhaltungsplan für die Art zu entwickeln.

Das Vietnam-Kantschil ist eine von vielen faszinierenden Arten, die in den vielfältigen tropischen Wäldern Südostasiens leben. Von diesen wurden einige Arten erst in den letzten Jahrzehnten entdeckt. Dazu gehört auch die antilopenähnliche Saola (das asiatische „Einhorn“), die erst 1992 entdeckt wurde und die noch kein Biologe in freier Wildbahn gesehen hat. Tiere in dieser Region der Welt sind zunehmend Opfer einer verheerenden illegalen Jagdmethode – der Verwendung von einfachen, günstigen, selbstgemachten Drahtschlingen. Dieser Wilderei fallen wahllos alle Tiere zum Opfer, die sich darin verfangen, unabhängig davon ob sie zu den Zielarten der Wilderer gehörten. Erst kürzlich zeigte ein WissenschaftlerInnenteam des Leibniz-IZW, dass Drahtschlingen eine größere und direktere Bedrohung der bodenlebenden Säugetiere und Vögel ist als die Degradierung des Regenwaldes durch forstliche Nutzung. Im Truong-Son-Ökosystem, zu dem auch die Region gehört, in der das Vietnam-Kantschil wiederentdeckt wurde, hat diese Wilderei zu „leeren“ Wäldern geführt, in denen zahlreiche Tierarten am Rand des Aussterbens stehen.

Barney Long, Senior Director of Species Conservation bei der GWC, sieht die Wiederentdeckung des Vietnam-Kantschils als großen Erfolg. „Aber die Arbeit beginnt erst jetzt so richtig mit der Wiederentdeckung und den ersten Schutzmaßnahmen, die getroffen wurden – in Zukunft wollen wir nicht nur einige Individuen mit Kamerafallen ablichten, sondern auch einen oder zwei Standorte mit überlebensfähigen Populationen identifizieren, damit wir die Art tatsächlich schützen können.“

„Die Wiederentdeckung des Vietnam-Kantschils gibt auch uns große Hoffnung für den Erhalt der biologischen Vielfalt Vietnams, insbesondere bedrohter Arten“, sagt Hoang Minh Duc, Leiter der Abteilung für Zoologie des Southern Institute of Ecology, einem Institut der Vietnamesischen Akademie der Wissenschaften mit Sitz in Ho Chi Minh-Stadt. „Dies ermutigt uns, zusammen mit unseren internationalen Partnern Zeit und Mühe in die weitere Erforschung und den Erhalt des vietnamesischen Biodiversitätserbes zu investieren.“

Dieses Projekt wurde unter anderem durch die großzügige Unterstützung des Breslauer Zoos, des Auckland Zoos, des Mohamed bin Zayed Species Conservation Fund (Project 172515989) und des Gerald Singer Deer Research Grants der Sainte Croix Biodiversité ermöglicht. Im Leibniz-IZW wurde das Projekt von den Wissenschaftlern Andrew Tilker und Dr. Andreas Wilting unterstützt.

Weitere Informationen und Kontakt

www.izw-berlin.de