Fachkonferenz · Berlin

02.07.2021 - 03.07.2021 · ganztägig
Arendts Kritik am »archimedischen Punkt« – Erscheinungsraum einer nicht gegebenen Welt

Foto MÜNCHNER STADTMUSEUM/ARCHIV BARBARA NIGGL RADLOFF/CC BY-SA 4.0/BESCHNITTEN

Der Standpunkt, von dem aus Hannah Arendt in Vita activa die Geschichte des Abendlands betrachtet, ist nicht leicht zu bestimmen. Ihre Bewunderung für das antike Griechenland und für das alte Rom, in denen sie das Politische, die Handlung und den Erscheinungsraum sieht, und ihre Kritik an der Weltlosigkeit in Christentum, Neuzeit und Moderne, sowie nicht zuletzt die Tatsache, dass ihr Werk auf verschiedenen Ebenen gelesen werden kann, haben manchmal zu einem Missverständnis geführt. Dem Missverständnis nämlich, dass Arendt im antiken Griechenland und im alten Rom ein Ideal, ja sogar, wie Margaret Canovan auf der ersten Seite ihrer Einführung in The Human Condition schreibt, einen archimedischen Punkt entdecken würde, von dem aus sie vertraute Denk- und Verhaltensweisen kritisiere.

Nichts aber kritisiert Arendts Vita activa heftiger als die Folgen der Entdeckung eines archimedischen Punkts, jener Entdeckung, durch welche die christlich-jüdische Heiligkeit des Lebens zum Leben als höchstem Gut wurde. Bezeichnenderweise ist dem Kapitel über die Neuzeit als Leitgedanke ein Kafka-Zitat vorangestellt, wonach der Mensch den archimedischen Punkt nur unter der Bedingung finden durfte, dass er ihn gegen sich selbst verwendet. Den utilitaristischen Folgen des archimedischen Punkts spürt Arendt sogar bis in Kants Formulierung nach, jeder Mensch stelle einen Zweck an sich dar, und findet sie auch in seiner Formel vom Wohlgefallen ohne Interesse, die den Umgang mit den »einzigen Dingen, die nicht Gebrauchsgegenstände sind, nämlich Kunstwerken« beschreibt. Die Schwierigkeit, den Standpunkt ihrer Kritik zu verorten, ohne Denkkategorien auf ihn anzuwenden, die ihm fremd sind – wie eben die des archimedischen Punkts –, betrifft grundsätzlich Arendts Ansatz, der keineswegs relativistisch ist und sich auch nicht wissenschaftlich-neutral gibt. Arendt steht für etwas, das sie auch von der Philosophie abgrenzt, und das es ihr nichtsdestotrotz erlaubt, sogar die politische Philosophie mit all ihren als selbstverständlich angesehenen Denkweisen neu zu betrachten.

Arendts Kritik sucht nicht nach Lösungen für die Aporien, die mit dem Autonomieanliegen des Abendlands von Beginn an – Griechenland und Rom nicht ausgenommen – einhergehen; unter den diversen kulturellen Bedingungen macht sie eine Haltung denkbar, die für den Erscheinungsraum einsteht, ohne seine Pluralität in ein Prinzip aufzuheben. Gerade weil Arendt ein Gemeinsames als Erscheinungsraum adressiert, ohne ein Maß vorauszusetzen oder prozessual ein Prinzip auf einen Horizont zu projizieren, ist das, was in ihrer Kritik und in ihrer Haltung auf dem Spiel steht, heute besonders von Relevanz.

In der durchtechnologisierten Gegenwart gerät das vom Abendland vorausgesetzte Eine oder Gemeinsame ins Wanken. Seine kolonialen Verblendungen und die ökologisch verheerenden Folgen seines Anthropozentrismus werden von vielen Seiten kritisiert und theoretische Alternativvorschläge zu Gegenwart und Geschichte entworfen, so z.B. im Rahmen von Neuen Materialismen. Und dennoch ist zu vermuten, dass aus Arendts Sicht solche Entwürfe eher von einer Steigerung jener Prozessualität zeugen würden, die der archimedische Punkt als aporetisches Autonomiestreben in Gang setzte. Es stellt sich die Frage, ob die gegenwärtige Destabilisierung des Einen sich auf eine solche Interpretation reduzieren lässt und ob sie nicht eher als Destabilisierung des archimedischen Punkts angesehen werden müsste. Eines steht fest: Unter veränderten Bedingungen besteht heute das Anliegen, ein Gemeinsames zu adressieren, fort – so zum Beispiel in den Künsten und der Literatur: als Erscheinungsraum oder als Welt, so vielfältig, offen und unbestimmbar diese auch gemeint sein mögen.

Die Tagung stellt Arendts Standpunkt zur Diskussion. Anstatt auf ihr Plädoyer für vita activa gegenüber vita contemplativa, oder für »Welt« und »Pluralität« gegenüber »Prozessualität« und »Leben« zu fokussieren, wird vielmehr gefragt: Wie oder wo wird ein Erscheinungsraum adressiert, wenn es nicht – wie für die griechische Polis – eine gegebene Welt gibt? Wie oder wo wird ein Gemeinsames adressiert, wenn nicht – wie in Neuzeit und Moderne – ein archimedischer Punkt vorausgesetzt wird?

Die Veranstaltung wird gefördert mit Mitteln der Alexander von Humboldt-Stiftung.

Veranstaltungsort:

Leibniz-Zentrum für Literatur- und Kulturforschung, Berlin / Zoom

Referent/innen:

Helmut Draxler (Universität für angewandte Kunst Wien)
Anne Eusterschulte (Freie Universität Berlin)
Eva Geulen (ZfL)
Oliver Koch (Sächsische Akademie der Wissenschaften zu Leipzig/Ruhr-Universität Bochum)
Niklaus Largier (UC Berkeley)
Mirjam Schaub (Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle)
Michaela Ott (Hochschule für bildende Künste Hamburg)
Ross Gillum Shields (ZfL)
Judith Siegmund (Zürcher Hochschule der Künste)
Marita Tatari (HMDK Stuttgart)
Facundo Vega (Universidad Adolfo Ibáñez/ICI Berlin)
Magdalena Zolkos (Frankfurt Memory Studies Platform/Goethe-Universität Frankfurt a.M.)