Workshop · Berlin

11.11.2022 · 09:00
Das Rätsel in der Moderne

Die Hochzeit des Rätsels wird für gewöhnlich im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit verortet. Das Rätsel kursierte dort, wo es gebraucht wurde: beim Wettstreit am Hofe, im Kinderspiel oder in der Geselligkeit der Salons. Mit der Entkopplung von Literatur und Gebrauch im 18. Jahrhundert, so eine in der Rätselforschung einschlägige These, habe das Rätsel an Bedeutung verloren. Nach Ende des Ersten Weltkriegs sei es schließlich irrelevant geworden (Schittek) und habe mit dem Kreuzworträtsel nurmehr seine »nackte Struktur« (Schupp) zurückgelassen.

Der Workshop unterzieht dieses dominante Forschungsnarrativ einer grundlegenden Revision. Angesichts der konstitutiven Funktion des Rätsels für literarische Gattungen des 19. Jahrhunderts (Schauerroman, phantastische Erzählung, Detektivroman), wegen seiner Bedeutung in der Kunst- und Kulturtheorie des 20. Jahrhunderts (von Nietzsche über Plessner bis Adorno) und ausgehend von der Vielzahl an Rätselvarianten in der spätmodernen Unterhaltungs- und Eventkultur (Escape-Rooms, Computerspiele) sollen hier die spezifisch modernen Formen des Rätsels in den Fokus rücken. Anstatt zu verschwinden oder überflüssig zu werden, so die These des Workshops, avancierte das Rätsel zu einem Grundpfeiler moderner Wahrnehmungs- und Sozialformen. Weil es den Status der Realität radikal infrage stellt, provoziert es die Suche nach theoretischen, psychologischen, sozialen und ästhetischen Lösungen und setzt die Selbstvergewisserung der Gesellschaft immer wieder neu in Gang.

In enger Zusammenarbeit einer kleinen Gruppe von Vertreter*innen unterschiedlicher Disziplinen soll dem veralteten Verlustnarrativ Grundlagenforschung zum Rätsel in der Moderne entgegengesetzt werden.

Veranstaltungsort:

Leibniz-Zentrum für Literatur- und Kulturforschung, Schützenstr. 18, 10117 Berlin, Aufgang B, 3. Et., Trajekte-Tagungsraum

Referent/innen:

Dana Steglich (Johannes-Gutenberg-Universität Mainz), Eva Stubenrauch (ZfL)
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