Vortrag · Berlin

06.07.2022 · 18:30
Friedrich Balke: Theatralität, Urteilssucht und Hassrede bei Karl Kraus

Foto HOLGERSFOTOGRAFIE/PIXABAY

»Theatergänger dieser Welt«, hat Karl Kraus von seinem knapp 800 Seiten langen Drama Die letzten Tage der Menschheit (1926) gesagt, »vermöchten ihm nicht standzuhalten.« Für wen ist ein derartiges unaufführbares Stück dann gedacht? Und wer vermag Kraus überhaupt standzuhalten, ist doch sein Schreiben und öffentliches Vorlesen insgesamt durch die Aneignung einer maßlosen Gerichtsmacht gekennzeichnet, die auf sofortige Vollstreckung ihrer Urteile drängt? Elias Canetti hat von der Urteilssucht Karl Kraus’ gesprochen und, ähnlich wie Walter Benjamin, auf die Praxis des entlarvenden Zitierens verwiesen, die dieser Urteilssucht zugrunde liegt. Ausgehend von den aktuellen Debatten zur sozialmedialen Eskalation von hate speech fragt der Vortrag vor dem Hintergrund der Kraus’schen Aneigung der Urteilsmacht nach den kritischen Funktionen einer literarischen Rede, die die »polemischen Möglichkeiten bis auf den Grund ausschöpft« (Benjamin), indem sie zitiert, um zu vernichten.

Friedrich Balke ist Professor für Medienwissenschaft unter besonderer Berücksichtigung der Theorie, Geschichte und Ästhetik bilddokumentarischer Formen am Institut für Medienwissenschaft der Ruhr-Universität Bochum und Sprecher des DFG-Graduiertenkollegs Das Dokumentarische. Exzess und Entzug.

Veranstaltungsort:

Leibniz-Zentrum für Literatur- und Kulturforschung, Schützenstr. 18, 10117 Berlin, Aufgang B, 3. Et., Trajekte-Tagungsraum