Vortrag · Berlin

10.03.2020 · 18:00
Klimakrise, die Zeugen Jehovas und die Demokratie

Foto MIKA BAUMEISTER/UNSPLASH

In den letzten Jahren hat sich objektiv wie diskursiv ein zentrales Problem in den Vordergrund der politischen Auseinandersetzung geschoben: die globale Erderwärmung. In Deutschland gilt dies noch mehr als in den meisten anderen OECD-Staaten. Der Befund, der Klimawandel sei von Menschen, insbesondere in den Industriestaaten, verursacht, ist eindeutig; die Wissenschaft sich einig.

Was bedeutet eine solche Erkenntnis aber für die Politik, ihre Diskurse und Verfahren? In den Diskursen ist in bester gramscianischer Manier ein Kampf um die Begriffshegemonie entbrannt. Darf man da noch neutral von Klimawandel sprechen oder verbirgt sich dahinter schon ein Klimaleugner? Ist nicht Klimakrise das Mindeste und Klimakatastrophe das Angemessene? Müssen wir globale Erwärmung nicht durch globale Erhitzung ersetzen? Stehen wir vor einer Menschheitsfrage? Selbst Teile der Wissenschaft sprechen von „fünf vor“ oder schon von „fünf nach zwölf“. Es müsse gehandelt werden, und zwar sofort und drastisch. Ein Klimapaket muss her, kein Klimapäckchen, wie jüngst das der Großen Koalition.

Die Demokratie sei zu langsam, ja, unangemessen langsam für eine „Menschheitsfrage“. Schon die Semantik des Begriffs legt das nahe. In Teilen der sozialen Bewegungen (u.a. Extinction Rebellion) oder der politischen Parteien wird offen geäußert: Wenn die Demokratie nicht liefere, werde sie irrelevant. Die Verfahren der Demokratie und des Rechtsstaats seien zu beschleunigen, wenn sie eine effektive Antwort auf die Klimakrise verhinderten. Alle anderen politischen Fragen müssen der Klimapolitik untergeordnet werden. „Weniger Demokratie wagen“ scheint das Motto der Stunde zu sein. Ist das nicht ethisch zwingend und konsequent, wenn es um eine „Menschheitsfrage“ geht? Der Vorlesung bleibt nur ein schmaler Grat: zwischen der Ignoranz eines Donald Trump und dem Opportunismus eines affirmativen Zeitgeists.

Wolfgang Merkel, Direktor der Abteilung Demokratie und Demokratisierung des Wissenschaftszentrums Berlin, lädt zur Abschiedsvorlesung ein.

Veranstaltungsort:

Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung gGmbH
Reichpietschufer 50
D-10785 Berlin
Raum A 300

Referent/innen:

Wolfgang Merkel, Direktor der Abteilung Demokratie und Demokratisierung des Wissenschaftszentrums Berlin
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Eintritt

Der Eintritt ist frei.