Vortrag

27.01.2021 · 17:15
Slaventum – gibt's das noch?

Foto PRACAR/WIKIMEDIA COMMONS

Die Vorstellung eines sämtliche Sprecher slavischer Sprachen in Raum und Zeit verbindenden Elements hat viele Gesichter: Slavizität fungierte bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts periodisch als politisch wirksames Mobilisierungsinstrument, sie leitet weiterhin das Erkenntnisinteresse kulturwissenschaftlicher Forschung und sie ist bis heute ein höchst produktiver Mythos in Kunst, Musik, Film und Literatur, partiell sogar im Sport. Ob im Zeichen der fortschreitenden „Slavisierung“ der Europäischen Union mit dem Aufkommen neuer Dimensionen "slavischer Wechselseitigkeit" zu rechnen ist, erscheint mit Blick auf die aktuellen "innerslavischen" Konfliktlagen zwischen slavischsprachigen Staaten und Nationalgesellschaften - exemplarisch zwischen Kroatien und Serbien, ganz aktuell zwischen Bulgarien und (Nord-)Makedonien sowie, mit militärischen Mitteln, zwischen den beiden großen "ostslavischen" Staaten Russländische Föderation und Ukraine - zweifelhaft. Und global gesehen unterminiert die historisch-imperiale Dominanz Moskaus über jegliche Form von Panslavismus, zumal in ihrer gegenwärtigen Form einer eben nicht "slavischen", sondern "russischen Welt", jegliche soft power-Attraktivität, wie sie etwa die transkontinentale Frankophonie oder die Lusophonie ausstrahlen. Entsprechend existiert kein Gegenstück einer weltumspannenden Slavophonie, die das nördliche Eurasien und die Osthälfte Europas mit denjenigen slavischsprachigen und zum Teil großen Diasporagruppen in Nord- und Südamerika sowie Ozeanien - z. B. in Kanada, Uruguay oder Australien -, die sich explizit über ihre Slavophonie definieren, verbindet. Und selbst die autochtonen slavophonen Gemeinschaften in Italien, Griechenland, Finnland, Ungarn, Rumänien, Österreich und Deutschland sehen sich als teils rechtlich geschützte, teils ungeschützte nationale Minderheiten innerhalb eines von einer anderssprachigen Titularnation dominierten Nationalstaats, nicht hingegen als Teil einer "slavischen Welt".

Moderation: Anja Jahn (GWZO)

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Veranstaltungsort:

Online

Referent/innen:

Prof. Dr. Stefan Troebst (GWZO)