Workshop · Berlin

06.10.2022 - 07.10.2022 · Ganztags
Verlust und Vielfalt

Die große Wertschätzung von biologischer und kultureller Vielfalt in der Gegenwart hat eine ihrer Quellen in der Erfahrung einer beispiellosen Dynamik des Verlusts. Zahlreiche Tier- und Pflanzenarten sind durch den Menschen in ihren Populationen massiv reduziert oder sogar unwiederbringlich ausgerottet worden. Die Veränderung sowohl der natürlichen als auch der sozialen Lebensverhältnisse wird dabei häufig als eine historisch einmalige Uniformierung beschrieben. Parallel dazu wird Vielfalt zu einem zentralen Motiv von ökologischen und sozialen Strömungen – wenn auch aus sehr unterschiedlichen Gründen: von Forderungen nach dem Erhalt der Lebensgrundlagen bis hin zu Motiven sozialer Gerechtigkeit oder der Steigerung ökonomischer Effizienz durch ein diversity management.

Diese Konstellation besteht problemgeschichtlich seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts. Denn seit dieser Zeit ist das Erleben von Verlust eng mit einem Lob der Vielfalt verbunden. Für das Mensch-Natur-Verhältnis geht damit eine markante Zäsur einher: Beendet wird mit ihr der Fortschrittsoptimismus und der Glaube an den Kultivierungsauftrag des Menschen. Mit frühen ökologischen Einsichten in die fragile Eigendynamik natürlicher Systeme entsteht zu dieser Zeit die Forderung nach Erhalt dieser Systeme und deren Vielfalt um ihrer selbst und um des Lebens auf der Erde willen. Um 1900 hat sich diese Konstellation insoweit gefestigt, als sie mit dem Natur- und Denkmalschutz zu politischen Programmen sowie institutionellen Formen findet. Bemerkenswert dabei ist, dass der Artenschutz auf sehr ähnliche Figuren der Argumentation zurückgreift wie der Denkmalschutz. Verbunden sind diese Bewegungen mit einem tiefgehenden Misstrauen gegenüber der Fähigkeit des Menschen, die Welt dauerhaft gestalten zu können. ›Vielfalt‹ ist seitdem ein Signum für den Vorbehalt der westlichen Kultur gegenüber sich selbst. Der Begriff steht für einen Bruch im Fortschrittsnarrativ und markiert das verdrängte oder marginalisierte Andere der dominanten Entwicklungsrichtung.

Der Workshop fragt nach den Formen der Verknüpfung von Verlust und Vielfalt in der Zeit um 1900. Im Zentrum sollen dabei die gedanklichen und narrativen Voraussetzungen dieser Verknüpfung in Philosophie, Wissenschaft und Literatur stehen: Wie wird der Verlust konkret erfahren und beschrieben? Vor welchem Hintergrund und mit welchen Kriterien wird er bewertet? Welche Rolle spielen Argumente, die auf den Wert der Vielfalt zielen? Ist es primär die Vergangenheit, die als vielfältiger imaginiert wird? Welche Erwartungen verbinden sich mit der Vielfalt? Das Ziel des Workshops ist es, das ökologische Imaginäre anhand der Frühphase des Artenschutzes und des Denkmalschutzes aufzuspüren.

Veranstaltungsort:

Leibniz-Zentrum für Literatur- und Kulturforschung (ZfL), Schützenstraße 18, 10117 Berlin, 3. Etage, Trajekte-Tagungsraum

Referent/innen:

Leander Scholz, Georg Toepfer
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