Satellitendaten helfen bei Wirtschaftsanalysen

Die Corona-Krise trifft Länder des globalen Südens wirtschaftlich stärker als gedacht. Das verraten Indikatoren wie Stickstoffdioxidemissionen, Schiffspositionen und Suchmaschinenanfragen.

02/01/2021 · Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, Raumwissenschaften · Kiel Institut für Weltwirtschaft · News · Forschungsergebnis

Länder des globalen Südens sind hart durch die Corona-Pandemie getroffen. Südostasien und die Pazifikregion offenbar stärker als gedacht. Darauf lassen alternative, hochfrequente Indikatoren wie Stickstoffdioxidemissionen, der Tiefgang von Containerschiffen oder Suchmaschinenanfragen schließen. Herkömmliche Kennzahlen wie das Bruttoinlandsprodukt oder Handelsdaten liegen für Länder des globalen Südens oft spät und nicht in zufriedenstellender Form vor. Hochfrequente Indikatoren können helfen, diese Datenlücke zu schließen. Dies zeigt eine Studie des IfW Kiel im Auftrag des Auswärtigen Amtes.

„Gerade Länder des globalen Südens werden aufgrund einer hohen Überschuldung und der Abhängigkeit von einzelnen Einnahmequellen wie dem Tourismus oder Rohstoffexporten durch globale Krisen vergleichsweise hart getroffen“, sagte IfW-Handelsforscherin Katrin Kamin. „Es ist wichtig, zeitnah die Effekte von Corona auf die wirtschaftliche Aktivität unserer Partner im globalen Süden zu verstehen, um eine Basis für wirtschaftliche und politische Entscheidungen zu haben. Der globale Datenmonitor zeigt, dass hochfrequente Daten in diesem Zusammenhang sehr nützlich sind.“

In einer Studie für das Auswärtige Amt (Hinz, Kamin, Kutsch, Mahlkow, Stamer: „Corona-Krise: Datenmonitor Global“) analysieren Mitglieder der IfW Trade Policy Task Force Lichtemissionen, Stickstoffdioxidemissionen, Schiffs- und Flugpositionsdaten, sowie Internet-Suchanfragen zu Frachtcontainern, Taxifahrten und Reisevisa. Zu allen Größen berechnen sie einen Erwartungswert anhand von Daten aus der Vergangenheit und vergleichen ihn mit den Werten während der Corona-Pandemie. Dies lässt Rückschlüsse auf die konkreten wirtschaftlichen Auswirkungen der Pandemie zu.

Sehr deutlich zeigen sich die ökonomischen Folgen laut Analyse im Rückgang der Stickstoffdioxid-Emissionen, welche auf eine Verringerung des individuellen Mobilitätsverhaltens, aber auch der Industrieproduktion und der Landwirtschaft hindeuten könnte.

Die Emissionen brechen im globalen Süden ab April bzw. Mai stark ein und liegen in allen Regionen vor allem im letzten Quartal deutlich unter den Erwartungen. In Lateinamerika um 35 Prozent, in Südasien und Sub-Sahara-Afrika um 20 bis 25 Prozent, und in Ost-Asien und der Pazifikregion um rund 20 Prozent.

Die Schiffsbewegungsdaten, bei denen neben der Anzahl an Containerschiffen auch deren Tiefgang, also Auslastung, gemessen wird, zeigen, dass der weltweite Handel vor allem im zweiten Jahresquartal massiv einbricht. Die Rückgänge liegen hier bei bis zu 21 Prozent in Asien, 16 Prozent in Afrika und 12 Prozent in Lateinamerika. In Lateinamerika nähern sich die Schiffsbewegungsdaten seitdem wieder ihrem Normalwert an, dagegen zeigen Afrika und Asien bislang keine signifikante Erholung.

„Bei Suchanfragen nach Frachtcontainern im Internet ist dagegen kein Einbruch zu verzeichnen, was darauf hindeuten könnte, dass sich der Welthandel im Zuge einer Eindämmung der Pandemie schnell erholen wird“, sagte Handelsforscherin Katrin Kamin.

Der internationale Flugverkehr ist seit März weltweit massiv eingebrochen. Die Flugankünfte in Afrika, Südamerika und Asien liegen im April um 80 bis 93 Prozent unter dem Erwartungswert. Besonders gravierend ist der Einbruch in den südostasiatischen Touristenhochburgen wie etwa Malaysia, wo die Flugankünfte am Jahresende immer noch 87 Prozent unter den Erwartungen liegen, aber auch in Thailand oder auf den Philippinen.

„Insgesamt zeigen die Daten, dass die wirtschaftliche Aktivität im globalen Süden stark von der Corona-Pandemie getroffen wurde, mit punktuellen Einbrüchen einzelner Indikatoren von über 90 Prozent“, so Kamin. „Die Wirtschaft Ostasiens und der Pazifikregion wurde bislang aufgrund geringer Infektionszahlen als sehr robust angesehen. Unsere Daten zeigen, dass die ökonomischen Folgen offenbar stärker sind als gedacht.“

IfW-Präsident Felbermayr: „Hochfrequente Daten bieten für uns die große Chance, wirtschaftliche Ausschläge mit sehr geringem Zeitversatz ablesen oder prognostizieren zu können. Wirtschaft und Politik können so beispielsweise sehr viel früher auf sich abzeichnende Lieferengpässe bei sensiblen Gütern reagieren und gegensteuern. Mit dem Corona-Datenmonitor und dem Datenmonitor Global will das IfW Kiel die Forschung in diese Richtung vorantreiben.“

Publikation

Julian Hinz, Katrin Kamin, Jakob Kutsch, Hendrik Mahlkow und Vincent Stamer (2020): Corona-Krise: Datenmonitor global. Studie im Auftrag des Auswärtigen Amtes.

Weitere Informationen und Kontakt

www.ifw-kiel.de