
Koloniale Objekte

Wie können Museen mit naturkundlichen Objekten aus ehemaligen Kolonialgebieten umgehen? Ein neuer Leitfaden versammelt Empfehlungen internationaler Fachleute.
21.08.2026 · News · Museum für Naturkunde - Leibniz-Institut für Evolutions- und Biodiversitätsforschung · Lebenswissenschaften · Forschungsergebnis
Naturkundliche Objekte aus ehemaligen Kolonialgebieten zeugen nicht nur von wissenschaftlicher Neugier, sondern auch von Macht- und Gewaltverhältnissen. Welche Verantwortung ergibt sich daraus für Naturkundemuseen heute? Das Museum für Naturkunde Berlin beschäftigt sich seit Jahren mit dieser Frage in verschiedenen Formaten und Forschungsprojekten. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte beleuchtet vergangene wie gegenwärtige Forschungs- und Museumspraktiken und wird im engen Austausch mit anderen wissenschaftlichen Institutionen, zivilgesellschaftlichen Initiativen und Forschenden aus verschiedenen Disziplinen weitergeführt.
Die Publikation “Umgang mit kolonialen Objekten der Naturkunde. Empfehlungen, Forschung, Reflexionen ”, die aus Mitteln des Zukunftsplanes entstanden ist, versammelt Handlungsempfehlungen, aktuelle Forschungsergebnisse sowie Impulse internationaler Museumsfachleute. Sie bietet neue Perspektiven für den interdisziplinären und internationalen Dialog über Kolonialismus und Naturkunde und belegt das Potential von integrierter interdisziplinärer Arbeit. Die Publikation ist als Ausgangspunkt und lebendiges Dokument zu verstehen – offen für Weiterentwicklung, anschlussfähig für unterschiedliche Kontexte und getragen vom Anspruch, naturkundliche Sammlungen nicht nur wissenschaftlich exzellent, sondern auch historisch verantwortungsvoll und kulturell respektvoll zu behandeln.
Als offenes, integriertes Forschungsmuseum beschreitet das Museum für Naturkunde Berlin mit dem Leitfaden neue Wege im Umgang mit Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten. Durch partizipative Ansätze, Austauschformate und Workshops mit Forschenden aus aller Welt wurde Wissen geteilt, gemeinsame Perspektiven auf Forschung sowie auf Vermittlung und Zugänglichkeit von Wissen geschaffen und im Dialog weiterentwickelt.
„Dieser Leitfaden ist ein Zwischenfazit auf einem Weg, den wir vor über zehn Jahren begonnen haben und den wir weitergehen werden. Wir teilen unser Wissen, lernen aus unseren Erfahrungen – auch aus unseren Fehlern. Wir sind ein offenes Forschungsmuseum, das im Austausch mit anderen immer weiterlernen will,“ so Prof. Johannes Vogel, Generaldirektor des Museums für Naturkunde Berlin.
Ein Ziel der laufenden Erschließung der 30 Millionen Objekte zählenden Museumssammlung ist es, neue Zugänge für verschiedene Nutzungsinteressen weltweit zu schaffen, den Zugang zu bestehendem Wissen zu demokratisieren sowie Teilhabe und Co-Kreation neuen Wissens zu ermöglichen. Der Leitfaden ist damit auch Resultat der voranschreitenden Museums-Evolution, die neben der Neuaufstellung von Sammlung und Wissenstransfer auch die bauliche Weiterentwicklung des Museums ins 21. Jahrhundert beinhaltet.
Ein aktuelles Beispiel hierfür ist die Öffnung der neuen Säle „Hirsche und Hornträger“ sowie „Säugetierschädel“ im Rahmen von Führungen. Sie entstanden in einem internationalen Co-Kurationsprozess mit neun Co-Kurator:innen aus Tansania, Ruanda, Burundi, Sambia, Togo, Kamerun, Kenia, Namibia und Ägypten. Gemeinsam mit den natur- und geisteswissenschaftlichen Forschungsgruppen des Museums, wie dem Center for Humanities of Nature, wurden wissenschaftliche Erkenntnisse mit lokalen Wissenssystemen, kulturellen Erfahrungen und historischen Perspektiven zusammengeführt. Die neuen Präsentationen, die aus Mitteln des Zukunftsplanes entstanden sind, zeigen beispielhaft, wie naturkundliche Sammlungen heute dialogorientiert und verantwortungsvoll einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden können.
Die Publikation richtet sich an alle, die mit naturkundlichen Objekten arbeiten – in Museen, Sammlungen, Archiven, Forschungseinrichtungen oder Hochschulen. Die Publikation ist in deutscher und englischer Sprache erschienen und für alle frei zugänglich (open Access).
Originalpublikation
Kaiser, Katja und Heumann, Ina (Hrsg.): Umgang mit kolonialen Objekten der Naturkunde: Empfehlungen, Forschung, Reflexionen, Heidelberg: arthistoricum.net, 2026. https://doi.org/10.11588/arthistoricum.1749