
20 Jahre Leibniz in Europa

Rund 180 Gäste aus Wissenschaft, Politik, Verwaltung und Industrie kamen Anfang September in Brüssel zusammen, um das 20-jährige Bestehen des Leibniz-Europa-Büros zu feiern.
22.09.2026 · News · Gemeinschaft
Am 1. September 2026 feierte das Leibniz-Europa-Büro in der Landesvertretung Baden-Württemberg bei der Europäischen Union in Brüssel sein 20-jähriges Bestehen. Unter dem Titel „Theoria cum praxi: Competitiveness, Sovereignty, and Society in Transition“ diskutierten die Gäste über die Rolle von Forschung und Innovation für Europas Zukunft.
Eröffnet wurde die Veranstaltung von Petra Olschowski, Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kunst des Landes Baden-Württemberg, und Christoph M. Schmidt, Präsident der Leibniz-Gemeinschaft.
Forschung als Impulsgeberin für Europas Zukunft
Im Zentrum des Abends standen eine Keynote von Irene Bertschek vom ZEW - Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung sowie eine hochrangig besetzte Podiumsdiskussion, moderiert von Eric Miller, Referent für Wissenschaft, Forschung und Kunst, Vertretung des Landes Baden-Württemberg bei der Europäischen Union. Es diskutierten Christian Ehler (Mitglied des Europäischen Parlaments), Gerhard Kahmen (Direktor des Leibniz-Instituts für innovative Mikroelektronik (IHP)), Claire Skentelbery (Generaldirektorin von EuropaBio) und Barbara Sturm (Vizepräsidentin der Leibniz-Gemeinschaft und Direktorin des Leibniz-Instituts für Agrartechnik und Bioökonomie e. V. (ATB)).
Die Veranstaltung machte deutlich, dass Europa an einem entscheidenden Punkt seiner Forschungs- und Innovationspolitik steht. Im Mittelpunkt stand die Frage, wie sich Wettbewerbsfähigkeit, technologische Souveränität und gesellschaftlicher Zusammenhalt zusammendenken lassen - und welchen Beitrag Forschung und Innovation dazu leisten können. Mehrfach wurde betont, dass Europa über eine exzellente wissenschaftliche Basis verfügt, diese aber noch stärker in gesellschaftliche Wirkung, politische Handlungsfähigkeit und wirtschaftliche Anwendung übersetzen muss.
„Wissenschaft berät, sie entscheidet nicht. Wir vermitteln Wissen, erläutern Optionen, zeigen Zielkonflikte auf – und gewählte Politiker haben das Mandat, die Entscheidungen zu treffen.“
Christoph M. Schmidt, Präsident der Leibniz-Gemeinschaft
In seiner Rede unterstrich Christoph M. Schmidt die besondere Rolle der Wissenschaft in demokratischen Entscheidungsprozessen. Gerade in Zeiten tiefgreifender Transformationen sei es entscheidend, politische Entscheidungen nachvollziehbar zu vermitteln und ihre wissenschaftlichen Grundlagen verständlich zu machen, um gesellschaftliche Akzeptanz zu sichern.
Innovation braucht Tempo, Verlässlichkeit und gesellschaftliche Einbindung
Die Podiumsdiskussion griff zentrale Herausforderungen der europäischen Forschungs- und Innovationspolitik auf: die künftige Ausgestaltung der Forschungsförderung, die Umsetzung strategischer Innovationspolitik und das Spannungsverhältnis zwischen Regulierung und Innovationsfähigkeit. Deutlich wurde: Hohe europäische Standards bei Sicherheit, Transparenz und Verlässlichkeit sind ein wichtiger Standortvorteil. Zugleich können langwierige und komplexe Verfahren Innovation erheblich bremsen - etwa in Feldern wie Biotechnologie, Mikroelektronik, Künstliche Intelligenz oder klinischer Forschung.
Die Diskutierenden plädierten dafür, nicht nur einzelne Schlüsseltechnologien in den Blick zu nehmen, sondern gesamte Innovationsökosysteme zu stärken - von der Grundlagenforschung über Transfer und Skalierung bis hin zu Marktzugang und gesellschaftlicher Akzeptanz. Gerade darin liegt auch eine besondere Stärke der Leibniz-Gemeinschaft: interdisziplinäre Forschung mit hoher gesellschaftlicher Relevanz, die wissenschaftliche Exzellenz mit Anwendungsorientierung verbindet.
Ein weiterer wichtiger Aspekt des Abends war die Rolle der Sozialwissenschaften. In der Diskussion wurde deutlich, dass technologische Innovation allein nicht ausreicht, wenn gesellschaftliche Akzeptanz schwindet oder wissenschaftliche Evidenz zunehmend infrage gestellt wird. Europas Zukunftsfähigkeit hängt auch davon ab, Vertrauen in Wissenschaft und Politik zu stärken und gesellschaftliche Perspektiven systematisch in Forschung und Innovationspolitik einzubeziehen.
Leibniz-Forschung zu Europas drängenden Zukunftsfragen
Einen sichtbaren Ausdruck dieser thematischen Breite bot die begleitende Ausstellung, in der 27 Leibniz-Institute und mehrere Leibniz-Verbünde bzw. -Netzwerke ihre Forschung zu drängenden europäischen Zukunftsfragen präsentierten - darunter Pandemievorsorge, Demokratie, Klimaresilienz, nachhaltige Landwirtschaft, Biodiversität und Bioökonomie. Die Ausstellung bot zugleich vielfältige Möglichkeiten zum Austausch und zur Vernetzung.
In seinen Schlussworten betonte Christoph M. Schmidt, dass gerade die Fähigkeit, unterschiedliche Perspektiven konstruktiv zusammenzubringen, eine besondere Stärke der Leibniz-Gemeinschaft ausmache - und ein wichtiger Beitrag für ein Europa sei, das Wohlstand, Souveränität und seine Werte gleichermaßen sichern wolle.
Die Jubiläumsveranstaltung machte damit eindrucksvoll sichtbar, wofür das Leibniz Europa-Büro seit 20 Jahren steht: für die Verbindung von Wissenschaft, Politik und Gesellschaft sowie für die Verankerung der Leibniz-Forschung im europäischen Kontext.
Austausch zur europäischen Forschungspolitik
Im Anschluss an das Jubiläum tagte die Sektion D der Leibniz-Gemeinschaft am 2. und 3. September 2026 erstmals in Brüssel. Neben ihrer regulären Sitzung führten die Sektionsmitglieder forschungspolitische Gespräche mit einem Vertreter des Europäischen Parlaments (Christian Ehler, MdEP), der Europäischen Kommission (Andreas Schwarz, Kabinettchef der EU-Kommissarin für Start-ups, Forschung und Innovation, Ekaterina Zaharieva) und dem Referat Forschung, Technologie und Raumfahrt der Ständigen Vertretung Deutschlands bei der Europäischen Union (Referatsleiter Stefan Mengel sowie Björn Schulte, Christian Böhm). Dabei gewannen sie wertvolle Einblicke in die aktuellen Verhandlungen zur künftigen europäischen Forschungspolitik.
Beteiligte Leibniz-Institute und Netzwerke
Zum Gelingen des Abends trugen Beiträge aus 27 Leibniz-Instituten und mehreren Leibniz-Verbünden bzw. -Netzwerken bei, darunter: PRIF, Leibniz-Forschungsverbund Wert der Vergangenheit, IWM, GWZO / Leibniz-Forschungsnetzwerk Mittel- und Osteuropa, LEIZA, ZEW, GESIS, ifo Institut, ARL, SAFE, RWI, SGN, LSB, LIV, DifE, IVW, IOM, WIAS, IPB, LZI, IPF, ISAS, IGB, IOW, ATB, IGZ, ZALF, ZMT, IPHT und LIR.
Grußwort
"Celebrating 20 Years Leibniz in Brussels": Christoph M. Schmidts Rede in voller Länge (PDF)
Fotogalerie
Das Fest in Bildern: Eine Galerie mit fotografischen Impressionen haben wir hier für Sie zusammengestellt.