
Aspekte des Körperlichen

Wie blicken wir auf Körper? Und welche Sinnesreize lösen Kunstwerke aus? Eine Sonderausstellung rückt den Körper ins Zentrum künstlerischer Auseinandersetzung.
14.10.2026 · News · Germanisches Nationalmuseum · Geisteswissenschaften und Bildungsforschung · Projekte
Von Lawrence Weiners textbasierter Konzeptkunst über Mirosław Bałkas raumgreifende Installationen, die sich mit Traumata der europäischen Geschichte auseinandersetzen, bis hin zu verstörend realistischen Skulpturen menschlicher Körperteile von Paul Thek: Das Germanische Nationalmuseum beschreitet neue Wege! Möglich machen das Werke aus der „Stiftung Spengler“, die der Münchner Sammler Harald Spengler dem GNM großzügig als Dauerleihgabe überließ.
Hochkarätige Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts umfasst der Bestand aus Gemälden, Fotografien, Installationen und Skulpturen. Werke international renommierter Künstler wie Gerhard Richter und Joseph Beuys sind darunter, ebenso der aktuell viel diskutierten Kunststars Mirosław Bałka, Alina Szapocznikow, Matthew Barney, oder Peter Hujar, außerdem Positionen von Paul Thek, Rémy Zaugg, Ian Hamilton Finlay, John Baldessari und Rineke Dijkstra. Unter dem Motto „Körper“ sind nun erstmals ausgewählte Highlights in einer rund 200 Exponate umfassenden Sonderausstellung zu sehen.
„Heute öffnen sich für das Germanische Nationalmuseum die Türen weit in die Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts, heute haben die Werke aus der Sammlung von Harald Spengler ihren ersten großen Auftritt in Nürnberg“, freut sich Generaldirektor Prof. Dr. Daniel Hess.
Die große Jahresausstellung zum Thema „Körper“
Bilder vom Körper faszinieren seit Jahrtausenden. Vielfach finden sich in den Dauerausstellungen von Museen Arbeiten männlicher Künstler, die nackte weibliche Körper darstellen. Die Ausstellung im Germanischen Nationalmuseum überrascht gleich zu Anfang mit einem Gemälde der Künstlerin Anke Doberauer, die den Blick umkehrt und ihr nacktes männliches Modell lebensgroß wiedergibt.
Die große Jahresausstellung legt zwei Schwerpunkte: zum einen Werke, die den menschlichen Körper zeigen. Wie blicken wir auf Körper? Und wie stellen Künstler*innen diese dar? Es geht um Fremd- und Selbstwahrnehmung und um die Inszenierung des eigenen Körpers oder den des Gegenübers.
Der andere Aspekt konzentriert sich auf Bilder für den Körper, also Exponate, die eine Wirkung auf die Körpersinne haben. Dazu zählen abstrakte Gemälde von Günter Fruhtrunk aus den 1960er und 70er Jahren, die eine visuelle Irritation hervorrufen, oder Werke, die man hören kann, wie „Ball Drop“ von Walter De Maria, bei dem eine Holzkugel im Inneren einer Sperrholzkonstruktion mit lautem Knall aufprallt. Matthew Barneys „Sweet Bolus“ aus Epoxidharz und Zucker verführt zum Schmecken. Optisch an eine Hantel erinnernd verweist er zugleich auf die Transformation von Kohlenhydraten in Muskelmasse beim Training. Alle diese Arbeiten greifen die Frage auf: Wie nehmen wir Kunstwerke wahr und welche Sinnesreize lösen sie aus?
Körper im Raum
Räume lassen sich mittels Höhe, Breite und Tiefe erschließen, der menschliche Körper ist ihr Bezugssystem. Eindrucksvoll zeigt das die Installation „Horizontabschreitung“ von Mirosław Bałka und Ursula Schulz-Dornburg von 2009. Bałkas Einbauten aus Stahlstreben zeichnen die Raumdimensionen nach. Oft verlaufen die Leisten parallel zu Decken und Mauervorsprüngen, mitunter irritieren und verunsichern sie auch, wenn sie Durchgänge verengen oder den freien Blick auf die an den Wänden hängenden Fotoarbeiten von Schulz-Dornburg stören. Ihre Aufnahmen weiter, nahezu menschenleerer Landschaften thematisieren geradezu das Gegenteil.
In den Raum ragende Armierungseisen kommen den Besuchenden bedrohlich nahe. Assoziationen an Stacheldraht oder die Dornenkrone drängen sich auf. Bałka stört den entspannten Kunstgenuss bewusst und zwingt Betrachter*innen zu Konzentration und Wachsamkeit.
Der Traum von einem anderen Körper
Nach Werken, die die Körpersinne ansprechen, widmet sich der zweite Teil der Ausstellung Bildern und Vorstellungen vom Körper. Künstler wie Armen Eloyan und Walter Dahn spielen mit dem Traum der Transformation und der Faszination, die Märchen- und mythologische Figuren ausstrahlen, deren Fähigkeiten und körperliche Eigenschaften die eines Menschen übertreffen.
Eine Arbeit von Paul Thek aus dem Jahr 1975/76, die an einen verlassenen Rastplatz erinnert, bezieht sich auf die Geschichte des Rattenfängers von Hameln. Der befreite die Stadt von den unliebsamen Nagern. Als er den dafür vereinbarten Lohn nicht erhielt, nahm er aus Rache alle Kinder mit sich. Thek versteht den Rattenfänger als sein Alter Ego, dessen Charisma ihn offenbar reizte. Der andere, fremde Körper scheint der attraktivere, mächtigere und damit bessere zu sein.
Von Eros und Schmerz, Leben und Tod
Idealschöne Körper wie der eines aus Holz geschnitzten Heiligen Sebastian aus dem 16. oder 18. Jahrhundert oder auf einer Fotografie von Robert Mapplethorpe von 1980 stehen im Folgenden fragmentierten und versehrten Körpern gegenüber. Alina Szapocznikows Werk „Seins“ zeigt den Polyesterharz-Abguss einer weiblichen Brust. Das zarte, leicht durchscheinende Material erinnert an die Fragilität und Verletzlichkeit menschlicher Körper. Zugleich strahlt sie etwas Sinnliches aus – Eros und Tod, Sinnlichkeit und Vergänglichkeit liegen eng beieinander.
Auch andere Exponate beschäftigen sich mit sterbenden und toten Körpern und Jenseitsvorstellungen. Eindringlich sind die Fotografien Herbert Lists und Peter Hujars aus den Katakomben des Kapuzinerklosters in Palermo. Sie thematisieren auf je eigene Art den Kreislauf von Sein und Vergehen: Wie in den Lebenden schon der Tod präsent ist, zeigen die toten Körper noch Spuren von Leben.
„Es ist spannend zu sehen, wie andere mit der Sammlung arbeiten“, resümiert der Sammler Harald Spengler. „Es entstehen ungewohnte Begegnungen mit Überraschungen, die mich anregen, die Werke neu zu sehen, auch im epochenübergreifenden Kontext des Germanischen Nationalmuseums.“
Satelliten in der Dauerausstellung
Weitere Beispiele aus der Stiftung Spengler – darunter Werke von John Chamberlain, Ulrich Rückriem, Eberhard Havekost, Magnus Plessen und Pia Fries – veranschaulichen ergänzend als sogenannte Satelliten in der Dauerausstellung, dass das Thema Körper kein rein zeitgenössisches Phänomen ist. Im Zusammenspiel mit historischen Exponaten wird die große, epochenübergreifende Bedeutung deutlich, die Körper seit jeher in der Kulturgeschichte einnehmen. Künstler*innen der Gegenwart wurden mit ihren Kunstwerken in den Dialog mit Zeugnissen der Vergangenheit gestellt. Kein anderes Museum verfügt über so umfassende Möglichkeiten, thematische Verbindungen von der Vergangenheit in die Gegenwart zu ziehen. Mit der Stiftung Spengler haben sich diese Möglichkeiten noch einmal erheblich erweitert.
Body. Aspekte des Körperlichen
Werke aus der Stiftung Spengler
Sonderausstellung im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg, 15.10.2026 – 11.04.2027