Entschlossenheit auf der Probe

Gestapelte Munition in einer Fabrikhalle
Foto BUNDESARCHIV/WIKIMEDIA COMMONS

Europas Industrie ist nicht ausreichend auf einen Krieg vorbereitet, warnt der Wirtschaftshistoriker Mark Harrison. In einem neuen Bericht zieht er Lehren aus zwei Weltkriegen.

14.10.2026 · News · Kiel Institut für Weltwirtschaft · Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, Raumwissenschaften · Forschungsergebnis

Die meisten europäischen Länder sind nicht ausreichend auf einen Krieg vorbereitet. Damit wirken sie auf mögliche Aggressoren weniger abschreckend und riskieren sogar, dass ein Angriff früher erfolgt, warnt der Wirtschaftshistoriker Mark Harrison (University of Warwick) in einem neuen Kiel Report. Aus den beiden Weltkriegen zieht er zehn Lehren dafür, wie Europa seine Industrie für den Ernstfall rüsten kann.

In den 1930er-Jahren drohten die Demokratien Japan und Italien mit Sanktionen, waren aber nicht bereit, notfalls auch militärisch zu handeln. Die Aggressoren deuteten das als Schwäche. Nach Harrisons Analyse wiederholte sich dieses Muster, als Russland die Krim annektierte und in die Ukraine einmarschierte. Und heute, während Russland einen vollumfänglichen Krieg gegen die Ukraine führt, gibt Europa gemessen an seiner Wirtschaftsleistung nur etwa ein Drittel so viel für das Militär aus wie Russland.

„Dreißig Jahre lang habe ich meinen Studierenden erklärt, die Ökonomie der Weltkriege sei Geschichte – Atomwaffen würden lange Kriege zwischen Großmächten verhindern. Ich lag falsch. Die Ukraine zeigt: Abnutzungskriege sind zurück“, sagt Mark Harrison, Professor an der University of Warwick (CAGE) und CEPR.

Der Kiel Report „Industriepolitik für Verteidigung: Lehren aus der Geschichte“ beginnt mit einer Grundsatzfrage: Wozu braucht die Rüstungsproduktion überhaupt den Staat, wenn öffentliches Geld ohnehin einen Markt für Waffen schafft? Harrison nennt zwei Gründe – sie bilden die ersten beiden seiner zehn Lehren.

Lehre 1: Rüstungsfabriken brauchen öffentliche Finanzierung

Private Unternehmen scheuen sich, Fabriken zu bauen, die vielleicht nur kurze Zeit oder nie gebraucht werden. Im Ersten Weltkrieg dauerte es zwei Jahre, bis Deutschland das Problem erkannte. Als es 1916 begann, in großem Stil neue Rüstungsfabriken zu bauen, war es zu spät – einige Projekte wurden bis zur Niederlage nicht mehr fertig. Eine zeitgemäße Lösung sind Kapazitätsverträge: Der Staat zahlt Rüstungsfirmen eine Vorhaltegebühr, damit sie Produktionskapazitäten über den Friedensbedarf hinaus aufbauen.

„Kein Unternehmen baut eine Fabrik, die vielleicht nur ein paar Monate gebraucht wird – oder nie. Wenn Regierungen diese Kapazitäten wollen, müssen sie das Risiko mittragen“, sagt Harrison.

Lehre 2: Friktion ist der Feind der Mobilmachung

1914 zogen alle Großmächte mit Munitionsvorräten in den Krieg, die nur für einige Wochen oder Monate ausgelegt waren. Schon bald fehlte es auch an Geschützen, Uniformen und Lebensmitteln, und die Fabriken gingen in widersprüchlichen Aufträgen unter. Vorausschauende Planung mindert solche Friktionen – selbst dann, wenn sich die Pläne am Ende als falsch erweisen, so der Report.

Weitere Lehren

Autarkie ist eine Illusion. Wirtschaftliche Unabhängigkeit vom Ausland verspricht Sicherheit, hat in beiden Weltkriegen aber die Kosten des Krieges in die Höhe getrieben. Im nationalsozialistischen Deutschland band die Herstellung von synthetischem Öl aus Kohle rund eine halbe Million Arbeitskräfte und verschlang enorme Summen. Großbritannien setzte dagegen auf Verbündete und Handelspartner. Seine Kriegswirtschaft war dadurch flexibler und kostengünstiger.

Es gibt kein technologisches Entkommen. In beiden Weltkriegen träumten die Verantwortlichen von einer Wunderwaffe, die dem Töten rasch ein Ende setzen sollte: im Ersten Weltkrieg von Giftgas und U-Booten, im Zweiten von Langstreckenbombern, von sogenannten Vergeltungswaffen und der Atombombe. Keine davon beendete den Abnutzungskrieg. Ein technologischer Vorsprung half bestenfalls dabei, den Gegner schneller zu zermürben. Die Ukraine zeigt zudem, dass sich ein Abnutzungskrieg auch im Schatten von Atomwaffen führen lässt.

Inkompetenz und Selbstbereicherung sind Luxusgüter. Die deutsche Flugzeugindustrie hatte im Zweiten Weltkrieg Ressourcen im Überfluss, war aber so schlecht organisiert, dass sie weit ins Hintertreffen geriet. Weil das Militär ständig höhere Qualität und neue Änderungen verlangte, kamen lange, effiziente Serien gar nicht erst zustande. Die wirtschaftlich überlegenen Alliierten konnten sich solche Fehler leisten – ihre Gegner nicht.

Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) ist zurück. Die Größe einer Volkswirtschaft bestimmt, wie viel ein Land höchstens in einen Krieg stecken kann. Japan mobilisierte rund 75 Prozent seines BIP für den Zweiten Weltkrieg, weit mehr als die USA – doch die US-Wirtschaft war fast fünfmal so groß. Dieser Größenvorteil verpufft nur, wenn eine Seite entschlossener ist als die andere. Im Vietnamkrieg war die US-Wirtschaft der nordvietnamesischen haushoch überlegen. Nordvietnam aber war entschlossen, um jeden Preis zu kämpfen – und das gab den Ausschlag.

„Die geopolitische Rivalität ist zurück – und mit ihr das BIP. Russlands BIP ist fünfmal so groß wie das der Ukraine allein. Zusammen mit ihren Verbündeten kommt die Ukraine jedoch auf ein Vielfaches des russischen BIP. Auf die Probe gestellt wird nicht nur die Wirtschaftskraft, sondern auch die Entschlossenheit“, sagt Harrison.

Krieg ist nicht das einzige Risiko. Industriepolitik für den Kriegsfall schafft Interessengruppen, die man nur schwer wieder loswird. In Großbritannien schwächte die enge Verflechtung von Staat und Industrie, die im Krieg entstanden war, über Jahrzehnte den Wettbewerb und bremste das Wachstum. Dennoch hält Harrison diese Risiken für geringer als die unmittelbare Gefahr eines neuen Krieges zwischen Großmächten.

„Europa wird in den kommenden Jahren deutlich mehr für Verteidigung ausgeben. Die Frage ist nicht mehr, ob, sondern wie. Das 20. Jahrhundert ist das größte Versuchslabor, das wir dafür haben. Mark Harrisons zehn Lehren gehören auf den Schreibtisch jedes Verteidigungsministeriums in Europa“, sagt Moritz Schularick, Präsident des Kiel Instituts für Weltwirtschaft.

Panel: Mark Harrison stellt den Report am 14. Oktober 2026 um 18 Uhr im Bundespresseamt in Berlin vor – gemeinsam mit Sönke Neitzel und Moritz Schularick. Es moderiert Anna Engelke (ARD). Veranstalter sind das Kiel Institut, die Deutsche Atlantische Gesellschaft und die Universität Potsdam.

Kiel Policy Brief

Kiel Report | 10/2026: Industriepolitik für die Verteidigung: Lehren aus der Geschichte

Weitere Informationen und Kontakt

Pressemitteilung des Kiel Instituts für Weltwirtschaft (IfW)