Secret Service

Bild GESINE BORN/BILDINSTITUT

Eine Ausstellung in Frankfurt erinnert an elf Frauen, die Naturforschung maßgeblich prägten. Auch online lässt sich ihr Leben nachvollziehen.

25.09.2026

Vor 112 Jahren steht Aenny Fahr auf dem Deck eines Forschungsschiffs vor Spitzbergen. In der Hand eine Kamera, vor sich Gletscher, Eis und die Weite der Arktis. Während der ersten Frankfurter Polarexpedition dokumentiert sie Landschaften, Tiere und das Leben an Bord. Ihre Fotografien zählen zu den wenigen Zeugnissen dieser Expedition – doch ihr Name ist heute kaum bekannt. Aenny Fahr ist eine von zahlreichen Frauen, die die Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung über Jahrhunderte entscheidend geprägt haben. Wissenschaftlerinnen, Zeichnerinnen, Stifterinnen und Laborantinnen sammelten, forschten, dokumentierten und ermöglichten wissenschaftliche Arbeit – oft ohne die Anerkennung zu erhalten, die ihren männlichen Kollegen zuteilwurde. Die Sonderausstellung „Secret Service: Frauen in der Naturforschung“, die vom 25. September 2026 bis 31. Oktober 2027 im Senckenberg Naturmuseum Frankfurt zu sehen ist, rückt diese bislang weitgehend verborgenen Geschichten ins Licht.

Elf Biografien spannen einen Bogen vom 17. bis ins 20. Jahrhundert. „Dazu gehören bekanntere Namen, etwa Pionierinnen wie die Insektenforscherin und Künstlerin Maria Sibylla Merian (1647-1717) oder die Begründerin der Paläoneurologie, Tilly Edinger (1897-1967).Aber auch die Geschichten bisher gänzlich unbekannter Frauen, wie die der Tierfotografin und Herpetologin Aenny Fahr,“ erzählt Historikerin Dr. Luisa Kapp, die die Biografien der Protagonistinnen im begleitenden BMFTR-Projekt „Secret Service: Frauen. Forschung. Senckenberg.” erforscht. „Wir freuen uns sehr, dass wir die Fotografin und Wissenschaftskommunikatorin Gesine Born für die Ausstellung gewinnen konnten“, erklärt Prof. Dr. Julia Sigwart, die das Forschungsprojekt bei Senckenberg leitet und ergänzt: „Auf Grundlage historischen Materials hat sie mithilfe von Künstlicher Intelligenz Bilder geschaffen, die die Frauen so zeigen, wie sie in der Vergangenheit häufig nicht dargestellt wurden: als eigenständige Persönlichkeiten in ihrem jeweiligen Tätigkeitsfeld. Dabei ist uns ein offener, transparenter und kritischer Umgang mit dem Einsatz von KI besonders wichtig – gerade mit Blick auf die Wirkmächtigkeit von Bildern.“

Die eindeutig als KI-generiert gekennzeichneten Bilder zeigen die Frauen in wissenschaftlich plausiblen Arbeitssituationen – beim Zeichnen, Sammeln oder Forschen. Sie beruhen auf historischen Quellen und machen Tätigkeiten sichtbar, von denen häufig keine fotografischen Zeugnisse existieren. So sammelte die Forschungsreisende Wilhelmine Meyer (1848-1920) im Malaiischen Archipel zahlreiche Tierarten, darunter mehr als 200 Schmetterlinge; 19 davon waren damals wissenschaftlich unbekannt. Von ihr ist kein Bild überliefert. Auch die Archäologin Ida von Boxberg (1806-1893), die erste Frau ihres Fachs in Sachsen, und die Malakologin Dr. Maria Schilder (1898-1975), die gemeinsam mit ihrem Mann eine bedeutende Schneckensammlung aufbaute, werden in ihrem Arbeitsumfeld porträtiert. Ebenso die Botanikerin und Malerin Elisabeth Schultz (1817–1898), deren „Flora von Frankfurt“ bis heute ein einzigartiges Zeugnis regionaler Pflanzenkunde ist.

„Uns war es wichtig eine möglichst große Bandbreite an unterschiedlichen Frauen und ihre Lebensleistungen in der Öffentlichkeit bekannt und sichtbar zu machen,“ erläutert Maike Schlegel, Kuratorin am Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseum Frankfurt. Daher rückt die Ausstellung auch Frauen in den Mittelpunkt, die Wissenschaft auf andere Weise ermöglichten: Johanna Rebecca Senckenberg (1716-1743), deren Vermögen einen wesentlichen Grundstock für die spätere Senckenberg-Stiftung bildete, und Louise von Bose (1813-1883), die mit einer großzügigen Zuwendung die wissenschaftliche Entwicklung der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung nachhaltig sicherte. Weitere Frauen, die in der Ausstellung gewürdigt werden, sind die Zeichnerin Gertrud Winter-von Möllendorff (1882-1946), deren Illustrationen naturwissenschaftliche Erkenntnisse sichtbar machten, sowie die Museumslaborantin Margot Perl (1923-1984), die während des Zweiten Weltkriegs half, die wertvollen Senckenberg-Sammlungen vor der Zerstörung zu bewahren. „Gemeinsam stehen ihre Lebensgeschichten stellvertretend für unzählige Frauen, die die Naturforschung mitgestaltet haben“, so Schlegel.

Ergänzt werden die Porträts durch Informationen, die Historikerin Kapp in den Archiven recherchierte, sowie durch Originalobjekte. In der Sonderausstellung sind Stücke zu sehen, mit denen die porträtierten Frauen gearbeitet oder die sie selbst angefertigt haben. Auch in der Dauerausstellung begegnen Besucher*innen den Frauen an verschiedenen Stellen im Museum: Die dort präsentierten Sammlungsobjekte werden mit ihren Biografien verknüpft und eröffnen so eine neue Perspektive auf die Wissenschaftsgeschichte.

Ein begleitender ‚Making-of‘-Film verdeutlicht den Entstehungsprozess der Porträts von Gesine Born. In einer bearbeiteten Kopie unter jedem Bild ist gekennzeichnet, welche Bereiche fotografisch und welche mithilfe von KI entstanden sind. „Die Ausstellung versteht die Bilder ausdrücklich als wissenschaftlich fundierte Visualisierungen – es sind keine historischen Fotografien“, erklärt Kuratorin Maike Schlegel. Entstanden sind die Porträts in engem Austausch zwischen Gesine Born und Historikerin Dr. Luisa Kapp: Während Born die emotionale Bildidee entwickelte, prüfte Kapp die historischen Details und gab wichtige Hinweise zur Kleidung, Umgebung und Darstellung der jeweiligen Zeit.

Gesine Born geht es bei ihren Visualisierungen nicht nur darum, die Vergangenheit sichtbar zu machen. Sie möchte zeigen, was möglich gewesen wäre. „Für mich ist KI ein eigenständiges Medium. Ich kann die Frauen heute nicht mehr fotografieren, aber ich kann Bilder schaffen, die zeigen, wie sie hätten gesehen werden können. Eigentlich geht es dabei gar nicht um die Bilder selbst, sondern darum, einen gedanklichen Möglichkeitsraum zu schaffen – eine Utopie, die zeigt, wie eine bessere Welt aussehen könnte“, erklärt Born.

Eine Infografik zur „Leaky Pipeline“ in der Sonderausstellung richtet den Blick auf die Gegenwart: Sie zeigt, an welchen Stellen Frauen auf dem Weg durch Studium, Forschung und wissenschaftliche Karriere verloren gehen – und welche strukturellen Hürden dahinterstehen.

Die Ausstellung entstand im Rahmen des vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt geförderten Projekts „Secret Service: Frauen. Forschung. Senckenberg.“ Darin erforscht die Historikerin Dr. Luisa Kapp bei Senckenberg die bislang vielfach übersehenen Beiträge von Frauen zur Geschichte der Naturforschung.

Ausstellung

„Secret Service: Frauen in der Naturforschung“
25. September 2026 bis 31. Oktober 2027
Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseum Frankfurt

Zur Sonderausstellung „Secret Service: Frauen in der Naturforschung“

Zum Projekt und den Online-Biografien

Weitere Informationen und Kontakt

Pressemitteilung der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung (SGN)