Übersehene Talente

Jugendliche mit Hauptschulabschluss werden häufig unterschätzt, zeigt eine Studie.

13.10.2026 · News · Leibniz-Institut für Bildungsverläufe · Geisteswissenschaften und Bildungsforschung · Forschungsergebnis

Jugendliche mit maximal Hauptschulabschluss haben oft unterschätzte Potenziale. Viele erreichen ähnliche Kompetenzen wie Jugendliche mit mittlerem Schulabschluss, ihre Stärken werden jedoch häufig bei der Ausbildungsplatzsuche nicht erkannt. Weniger mangelnde Fähigkeiten als vielmehr die starke Orientierung am Schulabschluss benachteiligt viele Jugendliche. Geringere Bildungsressourcen, Migrationshintergrund und fehlende berufliche Netzwerke der Eltern erschweren den Einstieg zusätzlich. Berufsvorbereitende Maßnahmen verbessern die Ausbildungschancen, sind aber kein Allheilmittel. Besonders wirksam sind die betriebliche Anbindung und das Nachholen eines höheren Schulabschlusses.

Viele Betriebe suchen dringend Auszubildende und passende Nachwuchskräfte. Gleichzeitig verlässt rund jeder vierte Jugendliche die Schule mit höchstens einem Hauptschulabschluss und hat oft Schwierigkeiten, einen Ausbildungsplatz zu finden. Ein neuer Transferbericht auf Basis von Daten des Nationalen Bildungspanels (NEPS) zeigt: Die Gruppe der Jugendlichen mit maximal Hauptschulabschluss ist deutlich heterogener als lange angenommen – viele verfügen über vergleichbare Kompetenzen und Stärken wie Gleichaltrige mit mittlerem Abschluss. Eine Analyse von Anne Christine Holtmann, Laura Menze und Heike Solga zeigt, welche Potenziale bei der Vergabe von Ausbildungsplätzen häufig übersehen werden und wie Übergänge in Ausbildung erfolgreicher gestaltet werden können

Hohe Schulabschlüsse sind heute mehr denn je die Schlüssel für eine erfolgreiche berufliche Laufbahn. Umso stärker benachteiligt sind Jugendliche, die das Schulsystem ohne oder mit maximal einem Hauptschulabschluss verlassen. Sie haben oftmals Schwierigkeiten, einen Ausbildungsplatz zu finden und nehmen häufiger an berufsvorbereitenden Maßnahmen teil. Die Gründe für den schwierigen Einstieg in die Arbeitswelt sind aber vielfältiger als angenommen und lassen sich nicht auf fehlenden Leistungswillen oder geringe Kompetenzen reduzieren.

Vorhandene Stärken und Kompetenzen werden oft übersehen

Fälschlicherweise wird oft angenommen, dass Jugendliche mit maximal Hauptschulabschluss pauschale Kompetenzdefizite aufweisen. Tatsächlich handelt es sich um eine sehr heterogene Gruppe, die von der Förderschule bis zum Gymnasium unterschiedliche Schulformen besucht hat. Ein erheblicher Teil der Jugendlichen mit maximal Hauptschulabschluss erreicht im Bereich Mathematik- und Lesekompetenz dieselben Werte, wie Jugendliche mit einem mittleren Bildungsabschluss. Dieses Bild zeigt sich auch bei Persönlichkeitsmerkmalen wie prosozialem Verhalten oder Gewissenhaftigkeit.

Die Autorinnen des Transferberichts beanstanden, dass diese individuellen Stärken zu oft unerkannt bleiben und in beruflichen Auswahlprozessen im Vergleich zur Wahrnehmung des Schulabschlusses nicht ausreichend berücksichtigt werden.

Prof. Dr. Heike Solga, Mitautorin der Studie und Wissenschaftliche Leitung der NEPS-Etappe 6: „Wer nur auf den Schulabschluss schaut, übersieht einen Teil der Talente, die Betriebe dringend brauchen. Unsere Analysen zeigen, dass viele Jugendliche mit maximal Hauptschulabschluss über vergleichbare Kompetenzen und Stärken verfügen wie Gleichaltrige mit mittlerem Abschluss.“

„Selbst dort, wo Jugendliche bessere Mathematik- und Lesekompetenzen mitbringen, verbessert dies ihre Chancen auf einen Ausbildungsplatz oft kaum. Viele Potenziale bleiben dadurch ungenutzt“, so Solga, Direktorin der Abteilung Ausbildung und Arbeitsmarkt am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB), weiter.

Die Daten zeigen zudem, dass es vielen Jugendlichen nicht an Motivation mangelt, einen Beruf zu erlernen. So planten 77 % der Jugendlichen mit maximal Hauptschulabschluss nach Verlassen der Schule eine Ausbildung – damit lag ihr Anteil sogar höher als bei Jugendlichen mit mittlerem Bildungsabschluss, von denen viele zunächst einen höheren Schulabschluss anstrebten.

Der lange Schatten der sozialen Herkunft

Ein weiterer wichtiger Aspekt für Benachteiligung auf dem Ausbildungsmarkt ist die soziale Herkunft: Welche Ressourcen in Form von Bildungskapital, Berufserfahrungen und beruflichen Netzwerken der Eltern den Jugendlichen bei der Ausbildungsplatzsuche zur Verfügung stehen, hängt maßgeblich von ihrem sozialen Hintergrund ab. Dabei haben etwa doppelt so viele Jugendliche mit Migrationshintergrund maximal einen Hauptschulabschluss wie Jugendliche mit einem mittleren Abschluss.

Auch der Bildungsabschluss der Eltern spielt eine große Rolle. 40 % der Eltern haben selbst maximal einen Hauptschulabschluss und arbeiten zudem eher in Tätigkeiten im unteren Statusbereich des Arbeitsmarktes. Daher können Jugendliche mit maximal einem Hauptschulabschluss, im Vergleich zu jenen mit einem mittleren Bildungsabschluss, bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz seltener auf Erfahrungen und Netzwerke ihrer Eltern zugreifen.

Mehr als eine Warteschleife: Ausbildungschancen durch Übergangsmaßnahmen

Chancen bieten vor allem berufsvorbereitende Maßnahmen, die von 76 % der Jugendlichen ohne Schulabschluss und von 41 % der Jugendlichen mit Hauptschulabschluss besucht werden. Am deutlichsten ist mit 32 Prozentpunkten die Verbesserung für Jugendliche ohne Schulabschluss. Für Jugendliche mit einfachem Hauptschulabschluss steigen die Ausbildungschancen um 15 Prozentpunkte, für Jugendliche mit qualifizierendem Hauptschulabschluss um 8 Prozentpunkte. Die größte Verbesserung (40 Prozentpunkte) konnte für Jugendliche ohne Bildungsabschluss festgestellt werden, die während der berufsvorbereitenden Maßnahmen einen höheren Schulabschluss nachholten.

Zur Verbesserung des Bewerbungserfolgs trug nicht nur die Beteiligung an der Berufsvorbereitung bei. Insbesondere die Anbindung an einen Betrieb in dieser Phase ist erfolgsversprechend. Allgemein kann davon ausgegangen werden, dass Arbeitgeber die Jugendlichen nach einem Jahr oftmals reifer und motivierter wahrnahmen sowie die Jugendlichen selbst über eine bessere Berufsorientierung und ein gezielteres Bewerbungsverhalten verfügten.

Trotz aller positiven Effekte zeigt sich aber auch, dass die Berufsvorbereitung für die Hälfte der Jugendlichen mit maximal Hauptschulabschluss nicht den gewünschten Erfolg hatte. Für sie führte der Weg nach der Maßnahme nicht in eine Ausbildung, sondern in eine weitere Übergangsmaßnahme, in Arbeitslosigkeit oder in eine gering qualifizierte Erwerbstätigkeit.

Über das NEPS und die Datengrundlage

Die Auswertungen basieren auf Daten des Nationalen Bildungspanels (NEPS), der größten Langzeit-bildungsstudie Deutschlands. Für den Bericht wurden Daten der NEPS-Startkohorte 4 genutzt, in der seit 2010 rund 12.600 Jugendliche ab der 9. Klasse auf ihrem Bildungsweg begleitet werden. Von diesen sind rund 3.500 Jugendliche mit maximal Hauptschulabschluss, darunter etwas mehr als 800 von Förderschulen mit dem Schwerpunkt Lernen. Dank der Überrepräsentation von Hauptschulen und der Einbeziehung von Förderschulen ermöglicht die Studie besonders verlässliche Aussagen über Jugendliche mit maximal Hauptschulabschluss.

Der Transferbericht ist in der Reihe NEPS Forschung kompakt erschienen, die aktuelle Forschungsergebnisse des Nationalen Bildungspanels für Praxis, Politik und Öffentlichkeit aufbereitet. Herausgegeben wird die Reihe vom Netzwerkausschuss des NEPS.

Originalpublikation

„Jugendliche mit maximal Hauptschulabschluss: Ressourcen, Hürden und Chancen beim Übergang in Ausbildung“ https://doi.org/10.5157/NEPS:FK03:1.0 oder https://www.lifbi.de/NFK

Weitere Informationen und Kontakt

Pressemitteilung des Leibniz-Instituts für Bildungsverläufe (LIfBi)