Artenschwund: Größere Schutzgebiete allein reichen nicht

Blumenwiese vor hügeligem Hintergrund
Foto ILONA MESTER/UNSPLASH

Um den Rückgang der biologischen Vielfalt aufzuhalten, reicht die Einrichtung größerer Schutzgebiete nicht aus: Sie muss durch Maßnahmen außerhalb dieser Flächen ergänzt werden.

30.05.2023 · News · Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung · Umweltwissenschaften · Forschungsergebnis

Die Ausweitung von Schutzgebieten und marktbasierte Anreize zur Wiederaufforstung allein werden den Rückgang der biologischen Vielfalt und vieler wichtiger Umweltleistungen nicht aufhalten, wenn sie nicht von Maßnahmen begleitet werden, die auch Flächen außerhalb von Schutzgebieten betreffen. Eine neue Studie in der Fachzeitschrift Nature Communications unter der Leitung des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) zeigt nun, dass es selbst in Szenarien mit einer starken Flächenkonkurrenz möglich ist, Landschaften biodiversitätsfreundlicher zu gestalten und  gleichzeitig wichtige Ökosystemleistungen wie den Bodenschutz oder die Bestäubung durch Insekten zu fördern. Die Ergebnisse verdeutlichen, dass die Landnutzung global gesehen kein Nullsummenspiel ist, sondern dass es auch auf die räumliche Verteilung von Ackerflächen ankommt. Durch gezielte Anreize könnte eine nachhaltige Bewirtschaftung von Kulturlandschaften erreicht werden, die sowohl für uns wichtige Ökosystemleistungen fördert, als auch den Erhalt der biologischen Vielfalt in Schutzgebieten unterstützt.

"Die Tatsache, dass sich die internationale Gemeinschaft darauf geeinigt hat, 30% der Landfläche bis 2030 unter Schutz zu stellen, ist ein wichtiger Schritt nach vorn, aber wir sollten auch die übrigen 70% nicht vergessen. Denn vor allem dort interagieren unsere Wirtschaft und die Natur miteinander und befinden sich Lebensräume von zahlreichen Arten, die uns sehr vertraut sind", erklärt PIK-Leitautor Patrick von Jeetze. "Von der Bestäubung durch Insekten oder dem Bodenschutz bis hin zu Aspekten der psychischen Gesundheit und Hochwasserschutz: Wir wissen, dass naturnahe Flächen in intensiv genutzten Landschaften und in der Nähe von menschlichen Siedlungen viele Vorteile haben können. Ein gut funktionierendes Netzwerk aus vielfältigen Lebensräumen trägt dazu bei, Schutzgebiete effektiver miteinander zu verbinden und ermöglicht, dass sich Arten an veränderte Umweltbedingungen anpassen können. Dieser Aspekt ist in Zeiten des Klimawandels besonders wichtig.“

"Es gibt einen breiten Konsens darüber, dass 10-20% der Fläche in intensiv genutzten Landschaften dauerhaft als Lebensräume erhalten werden sollten, um eine ökologische Reserve zu schaffen und um Schutzgebiete miteinander zu verbinden. Das können extensiv bewirtschaftete Grünflächen sein, aber auch z.B. Heckenlandschaften", ergänzt PIK Ko-Autorin Isabelle Weindl. "Unsere Studie zeigt, dass der Erhalt dieser Lebensräume in Agrarlandschaften auf globaler Ebene prinzipiell möglich wäre, selbst in Szenarien mit starker Konkurrenz durch Ackerflächen oder der Ausweitung von Schutzgebieten."

Eine kluge Verteilung bewirtschafteter und unbewirtschafteter Flächen entscheidend für das Erreichen der Klima- und Naturschutzziele

Die Studie verdeutlicht, dass es auch auf die räumliche Verteilung von Flächen unterschiedlicher Nutzung auf globaler Ebene ankommt, um die biologische Vielfalt zu erhalten und um Klimaziele sowie unterschiedliche Ziele im Naturschutz miteinander in Einklang zu bringen. Gleichzeitig spielen Synergieeffekte zwischen verschiedenen Klima- und Naturschutzzielen eine wichtige Rolle. Maßnahmen, die die Kohlenstoffaufnahme z.B. durch Wiederaufforstung fördern, führten in der Studie beispielsweise auch zu einer globalen Reduzierung der Bodenerosion um 75% im Vergleich zu einem Szenario ohne Klimaschutzmaßnahmen.

Im Rahmen einer Kooperation zwischen dem PIK, der University of Minnesota, der Universität Basel und dem Joint Research Centre (JRC) der Europäischen Kommission entwickelten die Forschenden einen neuen Modellierungsansatz. Dabei kombinierten sie das globale Open-Source-Landnutzungsmodell MAgPIE (Model of Agricultural Production and its Impact on the Environment) mit dem Spatial Economic Allocation Landscape Simulator (SEALS) und der Global Soil Erosion Modelling (GloSEM) Plattform. Auf diese Weise konnten sie globale Landnutzungsprojektionen für vier verschiedene Zukunftsszenarien auf eine räumliche Auflösung von 300 m x 300 m herunterrechnen. Diese hohe Auflösung erlaubte es den Forschenden abzuschätzen, inwieweit sich Landnutzungsveränderungen auf Veränderungen bei der Bestäubungsleistung, der Landschaftsstruktur und auf Erosionsprozesse auswirken könnten. 

"Landschaften, die unsere Biodiversität schützen, sind kein "nice-to-have", sondern entscheidend für eine nachhaltige, kosteneffiziente landwirtschaftliche Produktion auf Basis natürlicher Ressourcen. Klar ist aber auch, dass Maßnahmen, die sich positiv auf die Biodiversität auswirken, auch andere Aspekte miteinbeziehen sollten. Unsere Studie zeigt, dass es möglich ist, Landschaften vielfältiger zu gestalten und dass dies nicht zu Zielkonflikten mit der Ausweisung von Schutzgebieten oder dem Klimaschutz führt. Es bedarf nun dringend einer Politik, die die verschiedenen Umweltziele mit besseren Rahmenbedingungen für Landwirte verbindet“, erläutert Ko-Autor Alexander Popp, Leiter der Forschungsgruppe Landnutzungsmanagement am PIK. "Das ist wichtig für das Erreichen der globalen Ziele für den Klima- und Biodiversitätsschutz, aber auch, um Landwirte und andere Akteure mitzunehmen", so Popp.

Studie

"Projected landscape-scale repercussions of global action for climate and biodiversity protection" von Patrick von Jeetze, Isabelle Weindl, Justin Andrew Johnson, Pasquale Borrelli, Panos Panagos, Edna J. Molina Bacca, Kristine Karstens, Florian Humpenöder, Jan Philipp Dietrich, Sara Minoli, Christoph Müller, Hermann Lotze-Campen, Alexander Popp in Nature Communications. 

Weitere Informationen und Kontakt

Pressemitteilung des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK)